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Die Kommunisten feiern sich selbst

Filmplakat zu "Gründung der Partei" im Kino Megabox in Peking

Filmplakat zu "Gründung der Partei" im Kino Megabox in Peking

Im Kino habe ich den opulenten Propagandafilm „Gründung der Partei – Beginn des großen Projekts“ gesehen. Der Staat hat ihn anlässlich des 90. Geburtstags der Kommunistischen Partei Chinas in Auftrag gegeben. Offen gestanden war ich – trotz der Perfektion der Machart – etwas enttäuscht. 

Der Film gibt mit einem gewaltigen Aufgebot bekannter Stars an. Der Hollywood-Schauspieler Liu Ye beispielsweise hat die Ehre, Mao Zedong zu spielen. Der staatliche Filmverleih rechnet mit Einnahmen in Höhe von 100  Millionen Euro. Sämtliche Kinos des Landes spielen das Epos rauf und runter. Gongfu-Panda und Karibikpiraten müssen so lange weichen.

Der Film richte sich an ein junges Publikum, hatte die Propagandaabteilung zuvor gesagt. Klar, die heute 25-Jährigen haben ganz andere Interessen und Sorgen als die Geschichte der Kommunistischen Partei. Etwas Nachhilfe kann da nicht schaden.

Doch wenn der Film sich an junge Leute richtet, wundert mich, wie uncool er geworden ist. Er stellt die Zeit von etwa 1915 bis 1921 als perfekt aufgeräumte und ausleuchtete Märchenwelt dar.

China, und ganz Ostasien, ist wuselig und etwas chaotisch und immer voll gedrängt mit Menschen. So war es vermutlich schon vor 2000 Jahren und so wird es immer sein. Peking, Shanghai und die anderen Schauplätze sind dagegen in „Gründung der Partei“ übersichtlich bevölkert wie ein Kammerspiel. (Abgesehen von den Massenszenen, wo die Produktion natürlich nicht an Statisten spart.) Die Leute haben immer Zeit für einen salbungsvollen Dialog über Staatsphilosophie.

In der KP-Version der Vergangenheit ist China in schönen Faben gehalten, gedämpft aber gesättigt. Die Ästhetik erinnert etwas an die Verfilmung des „Herrn der Ringe“ oder an die jüngeren chinesischen Historien-Heldenfilme wie „Crouching Tiger“ oder „Hero“.

Die Protagonisten haben immer perfekte Haut, makellos gezupfte Augenbrauen und schön rote Lippen. Und das mitten im politischen Chaos nach dem Ende des chinesischen Kaiserreichs, mitten während des zweiten Weltkriegs!

Meine chinesische Begleitung im Kino rief zwischendurch plötzlich „Titanik!“ während einer Szene, in der ein Revolutionär aus Übersee auf dem Weg zurück nach China im Bug eines Dampfschiffs steht. Die Kamera fährt im großen Bogen um ihn herum und bringt so das weite Meer und die rauchenden Schornsteine ins Bild. Wofür die Anspielung an den Film von David Cameron? Ich denke, dafür gibt es nur einen Grund: Die Szene ist einfach schön.

Die Gründung der Partei wirkt natürlich ebenfalls ganz einfach. Studentenaufstände gegen Verräter Chinas wirken wie Kinderspiele. Nichts wirkt in “Jiandang Weiye” (so der chinesische Titel) wirklich schwierig oder mühsam. Gewalt taucht nur in verfremdeten Schwarzweißsequenzen in Zeitlupe auf, die das Geschehen des Ersten Weltkriegs zeigen sollen.  Sie sind allerdings mit dermaßen gefälliger Musik unterlegt, dass auch diese Kämpfe noch romantisch wirken.

Überhaupt die Musik: Der ganze Film ist mit dem für heute typischen Sound unterlegt. Die dramatische Chormusik, die leicht technoiden Geigen-Sequenzen, alles da, alles wunderschön. Auch tricktechnisch und von der Ausstattung her hat die „Partei“ an nichts gespart, um diese ganze Perfektion hinzubekommen.

Und aus all diesen Gründen finde ich das Meisterwerk uncool. Warum nicht zeigen, wie schwer die Zeit wirklich war? Warum nicht auch Schmutz zeigen, warum nicht eine Szene mal verwackeln lassen, warum nicht zeigen, wie einfach die Anfänge der Partei waren? Warum keine harten Kontraste setzen, in der Farbauswahl sowie im Schnitt? Warum die Schauspieler nicht auch mal improvisieren lassen, statt eine lange Reihe von druckreifen Reden hintereinander zu stellen?

Das wäre ganz nebenbei der jungen Generation gegenüber die viele bessere Propaganda gewesen. Glaubwürdiger, und zugleich würde sie dem postmodernen Bedürfnis nach Dekonstruktion entgegen kommen. Perfektion – das ist im Zeitalter der Computernachbearbeitung bei entsprechenden Budgets einfach. Das entspricht den Erwartungen. In einer Zeit, in der jedes Werbebild perfekt sein kann, besteht doch ein riesiges Bedürfnis nach zumindest scheinbarer Echtheit.

Meine chinesische Begleitung hat sich jedenfalls in dem Film ziemlich gelangweilt.

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