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Der wütende Bauer

30052011338_klAuf Recherche in der Präfektur Fukushima kam ich durch die Stadt Sôma, die schon ziemlich in der Nähe der Strahlzone liegt. In dieser Gegend haben die Mitarbeiter der „Nuclear Waste Management Organization of Japan“ einzelne Stellen mit hoher radioaktiver Belastung gefunden: bis zu 1,5 Millionen Becquerel pro Quadratmeter Boden. Kein Wunder, dass die Regierung verboten hat, Blattgemüse von hier auszuliefern.

Als ich mit dem Auto Richtung Küste durch diese Gegend fuhr, sah ich einen Mann. Er stand am Rande eines umgepflügten Feldes. Die Landschaft war bergig, aber stellenweise waren Anbauflächen aus den Hängen herausgeschnitten. Der Mann trug Gummistiefel, leichte, pluderige Hosen und eine praktische Jacke. Ein Bauer? Ich hielt an, lief zurück und sprach ihn an.

Um es gleich zu sagen, der Dialog war nicht besonders ergiebig. Als Journalist hatte ich gehofft, er würde mich vielleicht zu sich nach Hause einladen und mit mir ausführlich über seine Gefühle, Sorgen und Hoffnungen nach der Katastrophe sprechen.

„Entschuldigen Sie, dürfte ich Sie etwas fragen?“

„Hng“, sagte der Mann mit dem vom Wetter gegerbten, braun gebrannten Gesicht. Er war vielleicht Mitte fünfzig. Japanische Männer in diesem Alter verständigen sich oft nur durch diesen Grunzlaut, der auf japanischn “un” geschrieben wird.

„Ich bin Journalist von der Deutschen Wirtschaftszeitung.“ Ich reichte ihm meine Karte. „Schön, Sie kennen zu lernen, bitte bleiben Sie mir gewogen.“

„Hn.“ Er schaute mich sehr, sehr misstrauisch an.

„Sind Sie vielleicht ein werter Herr Landwirt?“, fragte ich.

„Was soll das sein, ein Landwirt, der nichts verkaufen darf?“, fragte er zurück.

Ich brauchte ein bisschen, bis ich verstand, dass das ein „Ja“ war.

„Was bauen Sie denn hier an?“

„Nichts mehr.“

„Und was haben Sie vorher hier angebaut?“

„Biologisches Gemüse.“ Das sollte wohl alles sagen. Es sagte auch alles.

„Sind sie wütend?“, fragte ich in der Hoffnung darauf, dass er auf den Energieversorger Tepco schimpfen würde – schließlich hatte der ein uraltes, unzureichend gesichertes Kraftwerk direkt an der Küste stehen gelassen.

„Ob ich wütend bin? — Wie wäre es, wenn Sie mich jetzt in Ruhe lassen würden? Ich bin ziemlich beschäftigt“, sagte der Mann. Der Rausschmiss war eindeutig.

30052011337_klNach einigen Schritten drehte ich mich noch einmal um. „Wenn sie noch mal mit mir reden wollen, meine Nummer steht auf der Karte“, sagte ich.

Er winkte ab. Und ging das Feld entlang weg.

Wenn die enttäuschten Biobauern von Fukushima mal mein Thema werden sollten, dann muss ich vermutlich über deren Kooperative gehen. Außerdem sollte ich mir eine geschicktere Gesprächsstrategie zulegen. Zu meiner Verteidigung: Ich war in Eile auf dem Weg an die Tsunami-Küste. Und ich fühlte mich selbst nicht ganz wohl damit, in dieser Gegend zu lange draußen herumzustehen.

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