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Von Schafen und Japanern

Eine der vielen Sachen, die ich an Japan mag, ist der Umgang miteinander. Japaner arbeiten mehr miteinander als gegeneinander. Das versteht jeder, der mal mit einer Gruppe Japaner in der Stadt unterwegs war. Jeder kennt das: man kommt aus dem Kino, einer sagt, lass’ uns noch was trinken gehen, aber keiner weiß, wohin. In Japan kommt jede noch so große Gruppe auf wundersame Weise zu einer Entscheidung – sanft und organisch – und dann setzen sich alle unkompliziert in Bewegung Richtung Ziel. Doch die Sache hat auch eine Kehrseite.

Es ist allerdings nicht so, dass sie einfach wie die Schafe dem Führer folgen. Tatsächlich bringen sich praktisch alle mit Beiträgen in die Diskussion ein. Aber, und hier kommt der Punkt, es wollen nicht gleich alle dominieren. Eine Gruppe aus deutschen Alphaweibchen und –männchen dagegen macht pausenlos Schwierigkeiten. Jeder denkt, er bricht sich was, wann er sich nicht durchsetzt.

Westler regeln ihre Dinge, indem sie Kämpfe um ihr Interessen ausfechten. Jeder versucht das Maximum für sich herauszuholen – so kommen bei uns Entscheidungen zustande. Im Rechtssystem soll mit dieser Methode sogar die Wahrheit über Tathergänge ans Licht kommen. Jede Seite verteidigt ihre Position so verbissen, wie es geht.

In Japan funktioniert die Entscheidungsfindung anders – der Einzelne öffnet sich angstfrei und vertrauensvoll der Gruppe, die wiederum neue Gedanken dankbar aufnimmt und weiterentwickelt. Das gilt auch für die Justiz. Japaner zeigen sich nicht ständig gegenseitig an und verklagen einander nur höchst selten. Es gibt hier generell viel weniger Gerichtsverfahren und Anwälte als in den USA und in Europa.

Damit verwandt ist eine gewisse Neigung zur Naivität. In Japan ist naives Verhalten nicht nur erlaubt, sondern erwünscht und wird gefördert. Als der Jüngere hat man sich den Älteren gegenüber sogar absichtlich etwas naiver zu geben als man ist. Einigen Deutschen kommt das wahnsinnig blöd vor. Manchmal verwechseln sie diese zur Schau gestellte Naivität auch mit mangelnder Intelligenz – ein Irrtum, dem auch schon mancher Geschäftsmann in Verhandlungen aufgesessen ist.

Dazu gehört, dass Japaner sich nie allzu clever geben, wenn sie anderen zuhören. Sie quittieren das Gehörte mit gehörig respektvollen Lauten und widersprechen erstmal nicht. Das soll nicht heißen, dass sie sich nicht ihrn Teil dabei denken.

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