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Rettende Warnmaschinen

Fabrikleiter Masaki Isozaki

Vom Handy gewarnt: Fabrikleiter Masaki Isozaki

Als ich einen Firmenchef in der Präfektur Yamagata danach fragte, wie er das Erdbeben erlebt hat, erzählte er zuerst von seinem Handy. Das Modell verfügt über eine Funktion zur Erdbebenwarnung, die tatsächlich zehn Sekunden vor dem Beben angeschlagen hat.

Die Funkmasten der Handyfirma Docomo senden kurz vor schweren Erdbeben ein Signal aus. Alle Geräte mit der entsprechenden Funktion melden sich dann mit einem besonders aufdringlichen Klingelton. „So war ich zumindest mental ein bisschen auf das vorbereitet, was kam“, sagt Masaki Isozaki, Chef von Yamagata Casio. Das Erdbebenhandy ist jedoch bei weitem nicht das einzige Warnsystem, über das Japan verfügt.

Besonders eindrucksvoll finde ich das Tsunami-Warnsystem an der Küste. Mit Sicherheit hat es viele Leben gerettet. Auf den ganzen Videos von der Katastrophe sind diese Endlosdurchsagen im Hintergrund zu hören. Wenn die Computer des Wetteramtes ein Erdbeben registrieren, dem mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Meereswelle folgt, dann schicken sie – wieder drahtlos – ein Signal an diese batteriebetriebenen Lautsprecher.

Der Asahi-Zeitung erzählt ein Teenager, was er nach dem Beben erlebt hat. Der 17-jährige Oberschüler war an jenem Nachmittag zusammen mit seinen Teamkollegen zum Baseballtraining auf dem Sportplatz seiner Schule. Die Schule hatte das Beben stabil überstanden, doch dann gingen die Warndurchsagen vor dem Tsunami los. Die Schule liegt direkt an der Küste. „Ich habe gedacht, da kommt eh wieder kein Tsunami, aber die Durchsagen haben so genervt, da bin ich zu dem Gebäude mit dem Schutzdach gegangen.“

Die japanische Regierung hat 2004 an der ganzen Küste entlang hohe Gebäude mit einem Schild versehen lassen: „Tsunami-Fluchtdacht“. Es handelt sich um Stahlbetonbauten mit einem mindestens 12 Meter hohen Dach, das über eine Treppe jederzeit zugänglich ist. Diesmal war es ein Wohnhaus.

Noch im Baseball-Outfit kam der Junge oben auf dem Dach an, als das Meer sich gerade regte. Glücklicherweise war dieses Dach mehr als 12 Meter hoch, eher 30, sonst hätte es nicht gereicht. (Anderenorts hat die Welle ganze Gruppen von Schutzsuchenden von den eigens ausgewiesenen Dächern heruntergespült.)

Batterieversorgter, drahtlos angesteuerter Tsunami-Warnlautsprecher in Tokushima

Batterieversorgter, drahtlos angesteuerter Tsunami-Warnlautsprecher in Tokushima

Auch hier flutete das Wasser über das Dach hinweg, doch gerade niedrig genug, dass sich die meisten Leute oben drauf am Geländer festhalten konnten. „Als das Wasser trotzdem immer höher stieg, dachte ich, ich sterbe jetzt und hier“, erzählt der Baseballspieler. Doch das Wasser sank wieder. Es war nicht zuletzt die Warndurchsage, die den Jugendlichen gerettet hat.

Die automatisierten Warnsysteme haben auch Schnellzüge angehalten und den Bürgern beispielsweise Gelegenheit gegeben, schnell den Gasherd auszumachen. Auch aus allen Fernsehern kam ein Warngeräusch, wenn auch nur Sekunden, bevor es losging – und leider als Warnung vor einem mittelstarken Erdbeben, nicht vor dem viertschwersten seit Beginn der Aufzeichnungen. Andererseits hatten die Seismologen mit so breiträumigen Beben auch noch keine Erfahrung.

Die Technik dahinter ist offenbar immer etwas unterschiedlich. Die Mobilfunkgesellschaft verfügt über Sensoren für Primärwellen (P-Wellen), die wegen ihrer schnellen Ausbreitung schon vor dem eigentlich Erdebeben messbar sind. Darauf basieren auch die Schutzfunktionen von Aufzügen, die automatisch im nächsen Stockwerk stehenbleiben und die Tür öffnen.

Das Fernsehen erhält seine Warnung vom Wetteramt nach einer zuverlässigeren Methode. Auch die Erdbeben selbst breiten sich als Wellen in der Erdkruste aus und brauchen Zeit, um sich vom Epizentrum her auszubreiten.  Wenn die unzähligen Sensoren in und um Japan ein Beben registrieren, dann lässt das Wetteramt die Regionen warnen, die noch betroffen sein werdne. Das nützt leider genau denen nichts, die sich direkt über dem Epizentrum aufhalten.

Die P-Wellen haben dagegen einen anderen Nachteil. Es habe öfter Fehlalarme gegeben, erzählt Firmenchef Isozaki von der Casio-Tochterfirma und zeigt sein goldfarbenes Docomo-Klapphandy. Deshalb habe er die Warnungen nicht ganz ernst genommen.

Nach dem Beben ging in seinem Werk übrigens ebenfalls ein drahtloses, batteriegetriebenes System los. Die Evakuierungsdurchsage kommt aus autarken Lautsprechern, weil bei einem schweren Beben der Strom ausfällt und Kabel reißen.

Vermutlich werden auch die Wetterämter ihre Modelle anpassen, um künftig besser auf solche Extremerdbeben vorbereitet zu sein.  Doch am wichtigsten Element der Frühwarnung, der Tsunami-Durchsage, gab es eigentlich nichts auszusetzen.

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