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Zeigt Japans berühmtestes Kunstwerk einen Tsunami?

„Die große Welle vor Kanagawa“ von Katsuhika Hokusai, 1820er-Jahre.

„Die große Welle vor Kanagawa“ von Katsuhika Hokusai, 1820er-Jahre.

Wundern sich die Japaner darüber, wie hoch der Tsuanmi war? Nach meinen Touren seit dem 11. März, die mich bis Hiroshima im Süden und Minami-Sanriku im Norden geführt haben, und zahlreichen Gesprächen über den Tsunami, bin ich zu einem Schluss gekommen: Nein, sie wundern sich nicht wirklich.

Um so erstaunlicher, wie schlecht das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi auf eine hohe Welle vorbereitet war.

Die Mehrheit der Japaner ist entsetzt von den Zerstörungen, wie sie nur die ganz Alten noch von der Bombardierung der Städte im Zweiten Weltkrieg her kennen. Aber wirklich erstaunt ist keiner. Die Möglichkeit extremer Erdbeben und hoher Tsunamis war allen immer bewusst.

Eines der bedeutendsten Kunstwerke Japans, der Holzschnitt „Die große Welle im Meer vor Kanagawa“, zeigt eine hohe Welle. Ich habe immer angenommen, das sei ein Tsunami, aber jetzt ist mir aufgefallen, dass der Künstler hier einen “Okinami”  darstellt. Das ist das glatte Gegenteil: “Tsu” heißt Hafen, “Oki” bezeichnet die offene See. Wie dem auch sei: Hohe Wellen, durch Taifun oder Erdbeben, gehören in Japan als Gefahrenseite dieses wunderschönen Landes dazu.

Zumindest der Fachwelt war auch bekannt, dass in der Sanriku-Region immer wieder gewaltige Wellen eingeschlagen haben.

Erst für ein Erdbeben im Jahr 1896 existieren exakte Daten, doch auch in den Jahrhunderten davor gab es hohe Tsunami. Ihre Höhe ist jedoch nicht bekannt. Die modernen Schätzungen der historischen Flutwellen beziehen sich auf die Computermodellen der Fachleute. Doch die haben für das aktuelle Erdbeben nur eine Wellenhöhe von vier Metern vorausgesagt. Die Auslenkung an den Messbojen vor der Küste betrug bereits bis zu sieben Meter.

Verräterisch ist jedoch, wie weit im Inland sich noch Ablagerungen aus den vergangenen Jahrtausenden finden, die nur extrem hohe Tsunamis dorthin gespült haben können.

Zudem gab es an der Sanriku-Küste sowohl 1896 als auch 1933 jeweils Erdbeben mit vergleichbaren Tsunami. Die Leute wussten also, was kommen kann. Die Möglichkeit dieser Katastrophen ist im kollektiven Gedächtnis überliefert. Und die Japaner wissen seit alter Zeit, dass Erdbeben zyklisch auftreten.

Mich als Außenstehenden erstaunt offen gestanden, warum die Sanriku-Küste und das Atomkraftwerk angesichts all dieser Informationen nicht besser vorbereitet waren.

Hinweis auf Tsunami-Fluchtweg in Matsushima

Hinweis auf Tsunami-Fluchtweg in Matsushima

Viele Tsunami-Fluchthäuser waren zu niedrig gewählt, die Straßenschilder, die das Ende der möglichen Gefahrenzone anzeigten, waren viel zu nah an der Küste aufgestellt. Die Dieseltanks des Kraftwerks Fukushima standen viel zu dicht am Meer. Doch die unzureichenden Vorkehrungen gehen auf die Hybris der Wissenschaftler zurück, die ein nichtlineares Ereignis wie eine Erdbeben-Schockwelle vorausberechnen wollten.

Alle in Japan wünschen sich, dass die Welle nicht so hoch gewesen wäre. Doch tief drin wussten sie auch alle, dass es so weit kommen konnte.

Als ich in den 90er-Jahren in Fukui studiert habe, war mir aufgefallen: Sowohl die Studenten als auch die Professoren hegen kaum Zweifel an den Stimmen der Experten. In einem Land, wo selbst der feste Boden trügt, mag einem das ein Gefühl der Sicherheit vermitteln – und wer die Tsunami-Vorsorge den Fachleuten überlässt, muss sich nicht selbst drum kümmern. Doch dies wäre vielleicht ein Fall gewesen, wo Japan mehr auf seine Urängste hätte hören sollen.

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