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Der Mörder kommt im Shinkansen

Die Japaner lieben ihren Hochgeschwindigkeitszug. Und sie nehmen ihn auch, wenn es wirklich völlig unangebracht ist. Die Polizei fährt gerade mit einem berühmten Mordverdächtigen im Shinkansen von Osaka nach Tokio. Mit im Eisenbahnwagen: Kamerateams und Journalisten.

Draußen warten Polizeiwagen, die minutenlang nicht loskommen, weil sie von Schaulustigen umgeben sind.

Draußen warten Polizeiwagen, die minutenlang nicht loskommen, weil sie von Schaulustigen umgeben sind.

Der heute 30-jährige Tatsuya Ichihashi hatte vor zwei Jahren die britische Englischlehrerin Lindsay Walker umgebracht. (Bewiesen ist das noch nicht, gilt aber praktisch als sicher. Ich schließe mich Mal einfach der Praxis japanischer Medien an und unterstelle die Schuld schon vor dem Richterspruch.) Nach einem Date hatte Ichihashi der jungen Britin ermordet, ihr die Hand abgeschnitten und den Körper in seine Badewanne gelegt.

Als die Polizei bei ihm klingelte, flüchtete über die Hintertreppe und war seitdem nicht gesehen. Die Eltern von Lindsay Walker setzten eine Belohnung aus und unterstellten der japanischen Polizei, nicht gründlich genug zu suchen. Sie deuteten sogar an, dass Japan sich verschworen habe, den Mörder ihrer Tochter zu schützen.

Ichihashi versteckte sich die vergangenen zwei Jahre erfolgreich im Untergrund. Vor einigen Monaten ließ er sich unter falschen Namen von einem Anbieter von Photovoltaikanlagen anstellen und montierte für 2000 Euro Monatslohn Solarzellen auf Hausdächern. Er wohnte im firmeneigenen Wohnheim, Kollegen wunderten sich, dass er auch am Wochenende kaum in die Stadt ging und auch zum Kegeln nicht mitkam.

Bei einem Schönheitschirurgen ließ Ichihashi die Form seiner Nase und seiner Augenpartie verändern. Tatsächlich sieht er auf dem aktuellen Polizeibild ziemlich anders aus als vorher, und auf jeden Fall hässlicher. Was mag das für ein Chirurg gewesen sein, der für Cash und ohne Fragen zu stellen das Gesicht von jemandem verändert, dessen Fahndungsbild an jeder U-Bahnstation und Polizeibox hängt?

Heute abend hat die Polizei Ichihashi geschnappt, weil er im Warteraum für eine Fähre zur Nordinsel Hokkaido einem aufmerksamen Bürger aufgefallen ist. Und jetzt wurde es seltsam. Vor den Augen hunderter Fernsehkameras brachten die Polizisten ihn zum Bahnhof von Osaka und stiegen mit ihm in einen normalen, für alle zugänglichen Schnellzug ein. Der Andrang der Medien war enorm – auch im Großraumwagen, aus dem Fuji TV pixelige Digitalvideobilder live sendete.

In wenigen Minuten wird er am Tokioter Hauptbahnhof ankommen. Ich fragte mich, ob die Polizisten mit ihm jetzt in die S-Bahn nach Chiba umsteigen würde, wo er auf der zuständigen Wache in Untersuchungshaft soll. Doch das Fernsehen zeigt bereits den vergitterten Wagen, in den der Verdächtige umsteigen soll. Anders als in Osaka ist sie diesmal auch auf die Idee gekommen, die Strecke von der Fahrkartensperre zum Fahrzeug mit Seilen abzusperren.

Auf den Privatsendern herrscht also Riesenaufregung. Fuji TV zeigt abwechselnd den Bahnhof, wo noch nichts angekommen ist (außer einigen tausend Reportern), den jetzt leeren Warteraum am Fähranleger in Osaka und die Szene, wie eine Journalistin des Senders dem Vater der Toten am Telefon sagt, dass der Mörder geschnappt ist. Der fing an zu weinen.

Die Stimme des Reporters überschlägt sich jetzt vor Aufregung, denn der Zug ist eingefahren. Alle Kameras richten sich auf Wagen Nummer 16, hinter dessen Scheibe sogar Ishihashis Gestalt zu sehen ist.

Immerhin holt eine Polizeitruppe Ishihashi am Bahnhof ab.

Immerhin holt eine Polizeitruppe Ishihashi am Bahnhof ab.

Tatsächlich, wirklich und wahrhaftig kommt der Verdächtige eines der berühmtesten Verbrechens der vergangenen Jahre einfach so an einem öffentlichen Bahnhof an. Die Polizei leistet sich keine Transport im Auto, während die Fernsehanstalten mit ihren Huschraubern alles von oben einfachen.

Am Bahnhof geraten normale Reisende, Polizei, Journalisten und ein Mordverdächtiger durcheinander.

Am Bahnhof geraten normale Reisende, Polizei, Journalisten und ein Mordverdächtiger durcheinander.

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