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Zwischen Trümmern

Zerstörtes Gebiet bei Matsukawa-UraDer Weg an die Küste führte mich dicht am Strahlensperrgebiet entlang. Es war schon später Nachmittag, deshalb kamen mir die Busse und Militärfahrzeuge mit den Männern entgegen, deren Schicht am Katastrophenkraftwerk gerade geendet hat. Sie fahren wohl nach Fukushima-Stadt oder in den Küstenort Sôma zurück.

Der Weg führte mich dann eine gewundene Bergstraße entlang, auf der ich nur 40 fahren konnte – deshalb kam ich erst in der Dämmerung an. Als ich hinter Sôma um eine Kurve fuhr, war plötzlich nicht mehr zu übersehen, dass ich mich jetzt im Katastrophengebiet befand.

Da lag ein Schiff am Straßenrand, wo sich eigentlich noch weit und breit trockenes Land erstreckte. So ein richtig großes Schiff, ein Fischtrawler, zwischen 30 und 40 Metern lang. Der Tsunami hatte es offenbar gegen eine Reihe von Strommasten geschwemmt, die durch den Druck zwar umgebogen worden waren, aber gehalten hatten. Unter dem Rumpf des schweren Schiffes ragte noch das Wrack eines kleines Bootes von etwa fünf Metern Länge hervor. Weil ich diese plötzliche, irreale Erscheinung anstarrte, hätte ich fast mit dem Bug des kleineren Bootes mit meinem Mietwagen gestreift.

Noch um eine weitere Ecke, und ich befinde mich in der Tsunami-Wüste. Zwischen zwei Landspitzen der Matsukawa-Bucht war vorher alles dicht besiedelt gewesen. Jetzt ist alles platt, zumal die Abrissarbeiten schon gut vorangekommen sind. Aus dem Trümmern ragen jedoch noch viele dieser Ruinen heraus, deren Erdgeschoss völlig weggespült ist. Einige der japanischen Fertighäuser liegen auch komplett auf der Seite oder schräg auf anderen Häusern. Seit dem Tsunami wissen wir ja, dass japanische Häuser auf dem Wasser schwimmen.

Es war 19 Uhr und nach Feierabend, die Abrissarbeiten waren für heute eingestellt. Ich fuhr vorsichtig zwischen dem Schutt weiter. Das Navigationssystem zeigt routinemäßig auch Geschäfte und Landmarken an, so dass sich ein seltsamer Effekt ergab: Auf dem Bildschirm waren links und rechts ein Friseursalon, ein Fleisch-auf-Reis-Imbiss, eine Bank angezeigt. In der Realität waren da nur schiefe Reste von Häusern, deren frühere Bestimmung ihnen nicht mehr anzusehen war.

Eine Familie mit zwei heranwachsenden Kindern lief durch die Trümmer. Außer einem Taxi (dem ich sicherheitshalber folgte — der wird schon wissen, wo es hier weiter geht) war das um diese Zeit hier das einzige verbliebene Zeichen von Leben – früher war das ein Touristenort und beliebtes Ausflusziel.

Als Journalist hätte ich die Familie wohl dreist ansprechen sollen: “Seid ihr von hier? Habt ihr alles verloren?” Ich brachte es aber nicht über mich.

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