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Den ersten beißen die Hunde

Die Chinesische Mauer bei Mutianyu

Die Chinesische Mauer bei Mutianyu

Im Umgang mit den großen Kulturdenkmälern der Menschheit gehört sich Respekt. Das gilt auch für die Große Mauer, schließlich spielt sie definitiv ganz oben unter den globalen Sehenswürdigkeiten mit, zusammen mit den Pyramiden oder Neuschwanstein. Deshalb habe ich jetzt ein etwas schlechtes Gewissen, einfach querfeldein zur Mauer hochgestapft zu sein – ohne Eintritt zu zahlen und unter Verwüstung der jungen Bäume dort.

Derzeit habe ich Besuch aus Deutschland in der Stadt. Die meisten Sehenswürdigkeiten dürfen die beiden alleine absolvieren, doch am Ostersonntag war gutes Wetter, da bin ich zur Mauer mitgekommen.

Wer schon ein paar Mal an der Großen Mauer war, dem kommen die touristisch entwickelten Abschnitte irgendwann wie Betrug vor. Die Mauer ist tatsächlich sehr lang, doch für Besucher restauriert und erschlossen sind nur wenige Zugangspunkte, die insgesamt vielleicht 20 Kilometer ausmachen.

Doch die Mauer lässt sich auch dazwischen besuchen. Meistens liegt sie dort in Trümmern und ist auch nicht besonders hoch. Es führt oft kein Weg oben drauf, so dass der Besucher eine ganze Weile nur seitlich entlang gehen kann. Oft ist stundenlang kein Mensch zu sehen.

Das Gegenextrem ist die Mauer bei Badaling eine Stunde vor Peking. Sie ist dort (vermutlich unter Verwendung von Stahlträgern und Beton) in einer Hochglanzversion neu aufgebaut. Es gibt eine kleine Stadt von Souvenirverkäufern und es ist immer viel Troubel. Chinesische Touristen mögen so etwas besonders. Es ist immer voll.

Für Erstbesuche an der Mauer fahre ich eher nach Mutianyu. Ein ganz guter Kompromiss: Die Mauer ist bei Mutianyu besonders hoch und beeindruckend und sorgfältig restauriert, doch nach einigen hundert Metern auf den steilen Treppenstufen finden sich noch Teile, die geradezu authentisch aussehen.

Doch wer die Mauer als Bauwerk kennt, an das sich andernorts einfach heranfahren lässt, dem erscheint der Eintritt plötzlich nicht mehr gerechtfertigt. Dazu kam eine Bemerkung meiner alten Freundin Tabea am Vorabend: „Bei meinem letzten Besuch habe ich in Mutianyu so einen kleinen Pfad genommen, der für die Mitarbeiter der Mauergesellschaft angelegt ist und bin umsonst und naturnah oben rauf gekommen…“ Sie beschrieb mir noch, wie ich den Pfad finde.

Zu dritt nahmen wir nach Mutianyu ein Taxi, was ich generell empfehlen würde. Die einfache Fahrt da raus kostet je nach Vereinbarung mit dem Fahrer zwischen 200 und 300 Yuan (25 Euro). Weil er mit einer Hin- und Rückfahrt den Schnitt seiner Schicht bereits erreicht, wartet er dort gerne auf dem Parkplatz. Der Taximann und ich tauschten Handynummern, dann stiegen wir aus — und standen direkt vor dem Eingang zu Tabeas Geheimpfad.

Einige hundert Meter weiter bergauf verlief die Mauer gut sichtbar auf dem Bergkamm. Eine Seilbahn und ein Sessellift führten hinauf, und auch ein gepflasterter Treppenweg für Fußgänger ließ sich erkennen. Wir schlugen uns in die Büsche.

„Wenn das hier alle machen würden“, sagte einer meiner Begleiter, „dann würde von diesem Hang hier bald nichts mehr stehen.“

„Keine Sorge – die Chinesen fahren lieber Lift statt sich anzustrengen, und die ausländischen Touristen finden das hier nicht“, entgegnete ich.

„Wir sind also die einzigen Verrückten“, murmelte Christoph.

Schon nach wenigen Metern verlor sich der Pfad im Unterholz am Hang. „Die Mauer ist links, also müssen wir nach links!“, beschloss ich. (Das war vermutlich der Grundfehler.) Nachdem wir über einiges Geröll gestolpert waren, kamen wir unter dem Sessellift und neben einer Sommerrodelbahn heraus. Der Mitarbeiter, der hier die Anlagen bewachte, erwies sich aber durchaus als freundlich. Er wies uns den Weg den Berg hinauf.

Stefan beim Aufstieg zur Großen Mauer

Stefan beim Aufstieg zur Großen Mauer

Nach zehn Minuten Aufstieg kamen wir an einem kleinen Pavillon an, der hier einen Aussichtspunkt markierte. Immerhin, wir befanden uns nicht völlig Abseits der erlaubten Pfade. Jetzt hatten wir die Wahl zwischen drei Wegen: eher links, eher mittig direkt auf die Mauer zu oder eher rechts.

Der rechte Weg wäre wohl richtig gewesen. Wir gingen aber ab durch die Mitte und kamen direkt unter der Bergstation des Sessellifts heraus, wo uns der Aufseher schon aus der Ferne zurief, wir sollten machen, dass wir wieder wegkommen.

Also ging es in einem Bogen um das Gebäude herum – es konnte doch nicht so schwer sein, hier auf die Mauer zu kommen? Tja. An Rande der Bergstation lag noch der Hundezwinger. Als ich mich näherte, ging ein Riesegebell los.

In dem Zwinger wohnten große, gefährliche, besonders aktive Hunde mit langen Zähnen und tiefer Stimme, die beim Knurren grollte wie ein Basslautsprecher. Als sie anfingen zu bellen, dachte ich erst, die Wachhunde laufen frei herum und unser letztes Stündlein habe geschlagen. Da ich als Verantwortlicher für die ganze blöde Aktion ein Stück vornwegging, sah ich mich vor meinem inneren Auge bereits zerfleischt und zerbissen. War es das wert, um 40 Yuan Eintritt für die Mauer zu sparen?

Es kam jedoch anders. Die Hunde waren im Zwinger eingeschlossen, wir konnten vorbeigehen – aber die Biester tobten, und der Lärm zog die Aufmerksamkeit all der Touristen auf der Mauer auf uns. Von oben sahen wir eine ganze Reihe von Fotoapparaten und Videokameras auf uns gerichtet. Einer meiner Begleiter winkte fröhlich, dann konnten wir unter einem Gitter der Sesselliftstation hindurch in die Maueranlage schlüpfen.

Später fanden wir auch die Stelle, wo der richtige Pfad die Mauer getroffen hätte – an einer der Passstationen der alten Wehranlage, mit einer zwar uralten, aber komfortablen Steintreppe auf die Mauer. Ohne Hunde.

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