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Das Mingbai-Prinzip

Der neue Wasserspender.

Der neue Wasserspender.

Wenn ein Ausländer gezwungen ist, fast eine Dreiviertelstunde mit einem Wasserspender im Arm in seiner Küche herumzutanzen, dann ist vermutlich das Mingbai-Prinzip am Werk. Dieses Prinzip besagt, dass Ausländer lange Erklärungen von Chinesen mit der Bestätigung „Ich verstehe!“ – „Mingbai“ abtun, obwohl sie nicht alles verstanden haben -  oder gar nichts.

Bei mir fing es diesmal mit dem Neukauf eines Wasserspenders an. Das Pekinger Leitungswasser ist zwar grundsätzlich sauber, doch fürs tägliche Trinken nicht zu empfehlen. In allen Büros und den meisten besseren Wohnungen gibt es daher so einen Spender, auf dem oben ein transparentes Fass mit Trinkwasser sitzt.

In meiner neuen Wohnung stand noch keiner, also ging ich zum Elektroladen Dazhong Dianqi und kaufte mir einen. Solche Sachen kaufen macht in China Spaß. In dem Laden waren kaum Kunden, dafür um sehr Verkaufspersonal.

Vier Beraterinnen in gestärkten blauen Blusen kümmerten sich um mich und erklärten mir die Vor- und Nachteile der gesamten Sortiments an Wasserspendern, vom Einsteigermodell für 15 Euro bis hin zur Luxusversion über 400 mit gehärteter Glasfront in Blumen-Deko. Alle spenden wahlweise heißes und kaltes Wasser, aber einige können heißer und kälter als andere. Als guter Deutscher nahm ich das einzige Modell mit Energiesparfunktion, die angeblich 50 Prozent Strom einsparen soll.

Gestern kam nun der Mann von Dazhong Dianqi und lieferte mir das Ding. Der drahtige Kerl im Blaumann nahm die Lieferquittung und sagte: „Sie wissen, wie sie das Ding aufstellen müssen?“ Ich sah ihn fragend an.

So. Jetzt kommt das Mingbai-Prinzip ins Spiel. Denn nun gab er eine lange Erklärung ab, die ich nicht verstand. Mein Chinesisch ist genug, dass die Leute denken, ich verstehe es richtig, aber derzeit noch nicht gut genug für technische Details. Vor allem, wenn die Leute einen ulkigen regionalen Dialekt sprechen wie der Liefermann. Ich bekam mit, dass es um Wasserröhren geht, aber da endete es auch schon.

Der Einfachheit halber nahm ich an, dass er mir nur sagen wollte, ich solle nicht gleich lostrinken, sondern das Ding erstmal durchspülen.

Ein Chinese hätte jetzt viermal nachgefragt, bis er’s verstanden hätte. (Untereinander haben die Einheimischen ebenfalls Probleme mit den Dialekten und mit Fachausdrücken, zu denen sie die Schriftzeichen nicht vor Augen haben.) Als ungeduldiger Westler sagte ich jedoch hastig: „Mingbai, mingbai!“, und ließ ihn damit vom Haken.

Ich ging zunächst zusammen mit meiner guten Freundin Tabea eine dieser Wassertrommeln kaufen. Im Aufzug auf dem Weg zum Minimarkt in meiner Wohnanlage erzählte ich ihr, dass ich den Elektromann mit einigen „mingbai!“ (habe verstanden!) weggeschickt habe. „So mache ich das seit fünf Jahren, und ich lebe immer noch“, sagte sie. Das beruhigte mich. Ich dachte, ich sei der einzige Ausländer, der so vorgeht.

Die Wassertrommel propfte ich nun oben auf den nagelneuen Spender drauf und schaltete den Strom an. Dann betätigte ich den Hahn, und es gluckerte nur eine Weile, ohne dass Wasser herauskam. Eine Weile zerrte und stocherte ich in der Auslassöffnung auf der Suche nach einem Stopfen, der nur zum Transport da drin steckt.

Tabea und ich (die einst in Berlin mit mir zusammen Sinologie studiert hat) entzifferten gemeinsam die Anleitung: Sicherheitshinweise, Warnhinweise, Garantieausschluss… und da: „Erstinbetriebnahme“.

„Beachten Sie unbedingt: Bevor Sie einen Wasserbehälter aufstecken, füllen Sie bitte den Einfließbereich D mit Frischwasser, damit die Blasen aus den Leitungen im Gerätinneren aufsteigen können.“ Die Anleitung sah erst am Ende eines langen Prozesses vor, dass das Wasserfass drauf darf. Und erst dann hätte ich den Spender an den Strom anschließen können. Alles falsch gemacht. Jetzt hatte ich Blasen im System, die alles blockierten.

Die Anleitung bot jedoch einen Ausweg. „Falls Luftblasen in den Rohrleitungen verbleiben und der Durchfluss stockt, nehmen Sie den Wasserbehälter wieder ab und schwenken Sie den Spender leicht. Die Blasen lösen sich dann und steigen auf.“

OK. Ich legte ein Handtusch unter und lüpfte die offene Wassertrommel wieder oben runter. Dann kippte ich den Spender etwas hin- und her. Es blubberten tatsächlich Luftblasen aus der Ansaugöffnung im halbvollen Zwischenbehälter, aber nur ganz wenige. Je heftiger ich schwenkte, desto mehr kamen heraus. Irgendwann nahm nich das ganze Ding auf den Arm und tanzte damit durch die Wohnung.

Jetzt spendet der Apparat immerhin heißes Wasser, aber es kommt immer noch lediglich ein Rinnsal kalten Wassers. Liegt das jetzt immer noch am Mingbai-Prinzip, oder ist das ein Konstruktionsfehler des Spenders?

Comments (1)

UltiApril 24th, 2011 at 16:29

Wirklich klasse das dir des Öfteren schreibst und auch Zeit dafür hast :) Fand dein Buch Tokio Total übrigens richtig klasse! :D bist zwar in China jedoch macht es echt Spaß dein Blog zu lesen :) Wer weiß vielleicht kommt ja eine Version 2.0 als “Peking Total” zum Verkauf :D Was mich übrigens sehr interessieren würde sind die Unterschiede zwischen der den Ländern und der Mentalität :)

Freue mich über neue Beiträge & Wünsche noch Frohe Ostern ;)

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