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Der vergessene Berg

Der 3776 Meter hohe Fuji ist von Tokio aus gut zu sehen – wenn das Wetter es zulässt. Trotz strenger Umweltstandards hängt über der 20-Millionen-Metropole meistens zu viel Dunst, um den Berg erblicken zu können. Der Gott des Berges ist zudem etwas scheu und hüllt sich selbst gerne in Nebel. Daher war ich völlig erstaunt, als er heute plötzlich erhaben und symmetrisch über der Skyline aufragte. Ein Bilderbuchvulkan, etwa zur Hälfte beschneit mit einer dekorativen Schäfchenwolke daneben. Doch das war noch nicht einmal das Beste.

Ich sah den heiligen Berg von der Tokioter Monorail-Linie auf dem Weg zum Flughafen Haneda, um nach Seoul zu fliegen. Der Pilot machte es vermutlich nicht absichtlich (darf es in so einem Luftraum ja auch gar nicht), aber wir starteten und flogen so, dass die Ebene mit der Tokioter Wunderwüste und der wundervolle Vulkankegel von meinem Fenster aus in bester Sicht blieben.

Ich bereute es, nicht an meine Kamera heranzukommen. Berufsbedingt starte und lande ich öfters in Tokio, aber so hatte ich meinen Arbeitsplatz noch nie gesehen. Die Sonne ließ die Glasfassaden der gewaltigen Großstadt golden blitzen, und zum ersten Mal sah ich die Landzuge an der Bucht von Tokio vom Flugzeug aus so, wie sie auch auf der Karte liegt.

Der Japaner auf dem Sitz vor mir hielt es nicht mehr aus, fuhr sein Handy hoch und knipste Bilder, bis die Stewardess erschien und ihm eine längere Strafpredigt hielt.

Am Rande von Tokio erschien dann einer der Stauseen in den nahen Bergen wie die Landschaft einer Modelleinsenbahn. Es war klar zu sehen, was bei einem Dammbruch passieren würde: Tausende von Häusern würden von einer Flut verschlungen.

Dann flogen wir ein wenig seitlich versetzt direkt am Fuji vorbei. Ich hatte bisher keine Ahnung, das die Flugroute von Haneda nach Seoul Japans Nationalberg streift. Ich konnte von schräg oben in den Vulkankrater auf der Spitze blicken. Der Rand des Krates ist leicht abgeflacht, und die Öffnung wirkt enger als es von unten gesehen den Anschein hat.

Die Straßen zu den Bergstationen sahen dagegen falsch aus und passten nicht zu der Erscheinung. Ich verstand mit einem Mal, warum die alten Japaner diesen Berg zu einem Gott erhoben hatten.

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