Google+ Peking Total » Blog Archive » Atomzeit

Atomzeit

Als ich im Großraum Tokio ankam, fand ich ihn ungewöhnlich dunkel vor. Kein Wunder. Die Stromfirma Tepco muss ihr Produktion rationieren. Ihr fehlen 11 Kernkraftwerke, die seit dem Erdbeben vom Netz gegangen sind. In der Tokioter Innenstand schalten die Unternehmen ihre Lichter aus – und bei Freunden in Atami bleibt der Strom gleich ganz weg.

Auch McDonald's schaltet in Tokio seine Leuchtreklame ab.

Auch McDonald's schaltet in Tokio seine Leuchtreklame ab.

Auf dem Weg nach Atami wusste ich, was mich erwartet. „Teikaku Teiden“, rotierende Stromabschaltungen, waren das Medienthema der Tage zuvor gewesen. Es fehlen derzeit 6,8 Gigawatt Leistung, das entspricht etwa 15 Prozent der japanischen Kernkraftwerkskapazität.

Der Bahnhof von Atami hatte Licht, aber der Bahnhofsvorplatz lag in kompletter Dunkelheit. Dass sich dahinter eine Stadt erhebt, war nicht zu erkennen.

Das vorderste Taxi in der Schlange hatte den Motor laufen und Licht an, also fand ich zumindest ein Transportmittel, das mich zum Haus meiner Freunde brachte.

Der Fahrer schlich sich langsam vom Bahnhofsvorplatz weg. „Es gibt jetzt auch mehr Unfälle, die Leute sind das nicht gewöhnt“, erklärte er. „Und selbst ich als Taxifahrer muss genau hingucken, um mich zurechtzufinden. Die Ecken sehen alle anders aus. Und Fußgänger sind so ganz ohne Straßenbeleuchtung schwer zu erkennen.“

Auf halbem Weg gingen plötzlich die Lichter an. Wir fuhren gerade am Hang entlang. Plötzlich trat unten an der Küste die Stadt aus dem dunklen Nichts hervor. Vor uns blinkten die Leuchtstoffröhren der Straßenbeleuchtung auf.

„Du kommst gerade recht. Wir können zusammen Strom benutzen!“, begrüßten mich meine Gastgeber. Selbstverständliches wird plötzlich wieder kostbar.

Ich finde es etwas diskriminierend, aber in der Tokioter Innenstadt gibt es 24 Stunden am Tag Elektrizität. Dabei sitzen hier die größten Verschwender. Ein bisschen wundere ich mich in Shinjuku immer noch über die Geschäfte, die ihre Leuchtreklamen noch angeschaltet haben – schließlich ist Mitmachen in Japan alles.

Aber genug Sachen sind auch aus. Hinweisschilder in der U-Bahn sind nicht mehr von hinten erleuchtet, in den Gängen brennt nur jede zweite Lampe. Die Getränkeautomaten stehen wie tot da, weil ihre Werbedisplays vorne aus sind. Sie verkaufen trotzdem grünen Tee wahlweise heiß oder kalt.

Insgesamt habe ich das Gefühl, dass Tokio noch viel mehr sparen könnte. Und was wird erst im Sommer, wenn wieder alle klimatisieren wollen – und sogar müssen, um nicht zu ersticken und trotz 38 Grad arbeiten zu können?

Los, schreib' einen Kommentar!

Dein Kommentar