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Tokios schwere Stunde

Da bin ich wieder. Hinter den Kulissen hatte ich schon den Start eines Peking-Blogs vorbereitet, weil ich jetzt in China wohne. Doch wegen des schweren Erdbebens bin ich vor zwei Wochen zurück nach Japan gekommen, um für meine Zeitung über die Ereignisse zu berichten. Die Atmosphäre in Tokio ist zwischen Nachbeben und immer schlechteren Nachrichten vom Atommeiler definitiv anders als sonst. Es zeigt sich mal wieder: Hinter der manchmal kühlen Oberfläche sind die Japaner auch Menschen – und sie machen sich derzeit ziemliche Sorgen.

Pressekonferenz mit Reaktorexperte Goto

Pressekonferenz mit Reaktorexperte Goto

Ans Abhauen ist nicht zu denken, da sind sich alle einig. Dafür gibt es übrigens auch keinen Grund. Die Strahlungswerte in Luft und Wasser sind derzeit in Tokio völlig normal. Auch Babys können das Leitungswasser trinken.

Ich glaube das den Behörden. Radioaktivität ist leicht zu messen. Anti-Atom-Organisationen und Nachrichtenagenturen prüfen die Angaben zudem mit eigenen Geigerzählern.

Doch die Sorge ist da. Am Samstagabend habe ich Kenji getroffen, meinen alten Freund. Er trug tatsächlich die allseits beliebte Atemmaske. „Heuschnupfen?“, fragte ich. „Falls was in der Luft ist, will ich es nicht einatmen“, gab er seine Atomangst zu. Ich nickte, obwohl mir eine dünne chirurgische Maske zum Strahlschutz etwas dürftig erschien.

Wir hatten uns am Nachmittag gerade getroffen, als ich in meinem Handy eine E-Mail sah: Eilige Pressekonferenz der Citizen’s Nuclear Information Center zum Zustand von Fukushima Daiichi. Da ich ungern unseren Plan umschmeißen wollte, den Abend zusammen zu verbringen, nahm ich ihn einfach mit. So saß Kenji unter der Handvoll Journalisten, die persönlich gekommen waren. 2000 Menschen schauten per Internet zu.

Zwei Reaktoringenieure erklärten dort ihre Interpretation der Daten aus dem Kraftwerk. Von Tag eins an seien die Rohre undicht gewesen, die das Kühlmittel in und aus dem Druckgefäß transportieren. Deshalb habe sich im Turbinenhaus auch die hochradioaktive Suppe gesammelt, an der sich am Freitag drei Arbeiter regelrecht verbrannt haben.

Die Gefahr sei längst nicht gebannt, erläutert Masashi Goto, der einst für Hitachi am Entwurf des Reaktors mitgearbeitet hat. Es könne immer noch sehr schlimm kommen. Wenn der Kern schmelze und auf das Beton des Reaktorgebäudes treffe, könne es heftige Brände geben.

Kenji fängt an, sich Notizen zu machen. Die technischen Erklärungen leuchten ihm sofort ein – schließlich arbeitet er für eines der großen Elektrounternehmen des Landes.

Hinterher gehen wir essen. „Fisch?“, frage ich. „…lieber Hühnerspieße“, sagt er. Am Morgen war bekannt geworden, dass das Meer vor Fukushima Daiichi tausendmal radioaktiver ist als normal.

„Die Erklärung von Herrn Goto fand ich ziemlich interessant“, sagt Kenji bei Kirin-Bier und Spießchen aus allem, was das Huhn hergibt. „Er klingt ganz anders als die Experten im Fernsehen. Die beruhigen immer nur.“ Nicht, dass er die Lage jetzt für viel ernster hält als vorher, aber er fühlt sich besser informiert.

Etwas später spricht er dann darüber, wie er sich wirklich fühlt. „Es ist echt unheimlich.“ Zusammen mit den Bildern von den Opfern der Tsunami-Katastrophe hat sich ein beklemmendes Gefühl festgesetzt, das wohl erst einmal bleibt.

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