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Romantikstraße und Humtata

Kenji fuhr mit mit Ruth nach Deutschland, um sich das Heimatland seiner Freundin anzusehen. „Diese ganzen Romantikstraßen und Humtata machen wir aber nicht“, stellte Ruth klar. „Wir fahren schön erstmal mal nach Hamburg.“ Damit war Enttäuschung programmiert.

Kenji nickte brav. „Ja, klasse, lass uns das wahre Deutschland machen.“ Ob er wirklich das wahre Deutschland sehen wolle? Ja, er sei auf alles gefasst.

Ich wusste, was Japaner eigentlich an Europa wollen. Im Flugzeug ab Tokio saß ich oft umgeben von Reisegruppen, die voller Vorfreude auf ihre Europa-Tour miteinander schnatterten. Sie erhielten vom Veranstalter ein handgeschriebenes und kopiertes Blatt mit der Reiseroute und vielen Details. Handgeschrieben, das war niedlicher und persönlicher. So mit kleinen Pfeilen und Sprechblasen, in denen stand: „Hier gibt’s die leckeren Würste!“ – „Bier im Literglas!“ – „War Vorbild fürs Disney-Schloss!“, und gerne auch mal mit einem kleinen handgekritzelten Bildchen von den Stadtmusikanten.

In ihren gedruckten Reiseführern war Deutschland in „Straßen“ unterteilt. Erste Doppelseite: Romantische Straße. Dann: Märchenstraße, Fränkische Weinstraße, Burgenstraße, Deutsche Straße. Auf all das musste Kenji nun wohl verzichten.

Kenji war dafür fasziniert vom Bahnfahren in Deutschland: „Die Preise für die Tickets sind nie festgelegt. Sie unterscheiden sich je nach Tag und Stunde.“

“Es gibt auch Fahrscheine zu einem einheitlichen Preis“, stellte Ruth klar.

Kenji ließ sich nicht beirren: „Wer den Zug verpasst, darf nicht einfach in den nächsten Zug einsteigen, er muss eine neue Fahrkarte kaufen.“

Akiko machte Laute des Erstaunens.

„Doch die Züge sind pausenlos verspätet. Oft mussten wir zwei Stunden warten, bis wir einsteigen konnte, und dann war es ein Ersatzzug und alles überfüllt, und unsere Reservierungen funktionierten nicht mehr.“

„Du sprichst jetzt von Usbekistan, oder?“, fragte Yusuke.

„Nein, nein, von Deutschland. Und dann diese furchtbaren Unfälle…“

„Erzähl!“

„Ich habe es unterwegs im Internet nachgesehen. 1998 in Enschede entgleiste ein voll besetzter Hochgeschwindigkeitszug. 101 Menschen starben. Die Ingenieure hatten die Räder falsch konstruiert, sie hielten der schnellen Fahrt nicht stand. Der Lokführer merkte gar nicht, dass sein Zug hinter ihm abgerissen war und fuhr bis zum nächsten Bahnhof weiter. Dort erst winkte ihm der Stationsvorsteher: Wo ist denn Dein Zug? Der lag verkeilt wie ein Stapel Mikadostäbchen an einer Brücke. Die Menschen innen schrien vor Schmerzen, wenn sie noch lebten“, erzählte Kenji.

Er hatte den Kopf vorgeschoben und wirkte jetzt wie ein alter Indianer, den den Kleinen eine Schauergeschichte vorträgt.

„Jetzt übertreibst du aber!“, sagte Akiko

„Nein, denn die Sache wirkte noch zehn Jahre später bei unserer Reise nach. Denn erst im Jahr 2008 ließ das Aufsichtsamt dann überall die richtigen Räder einbauen. Die Bahn war davon völlig erstaunt und musste Dutzende von Zügen stehen lassen.“

Ich wechselte einen Blick mit Ruth. Da hatte sich Deutschland mal wieder von seiner besten Seite gezeigt.

„Die Bahn war privatisiert und wollte an die Börse. Sie sparte nur, statt an Sicherheit oder Bequemlichkeit zu denken“, sagte Ruth.

Die Japaner nicken zufrieden. Das passt zu ihrem Weltbild. Aber dass ausgerechnet Deutschland, der Bruder im Geiste, so verkommen war!

„Und hier in Japan kommt es in den Frühnachrichten, wenn die Yamanote-Ringbahn verspätet ist!“, sagte Kenji.

„Und wenn ein Shinkansen wegen einer Sicherheitskontrolle ausfällt, dann bringen es die Abendnachrichten an erster Stelle“, sagte ich.

Comments (1)

ElliDecember 31st, 2010 at 22:30

ohh deutschland wird im besten licht gezeigt! =)

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