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Freund oder Shinyu

Ich klagte kürzlich gegenüber Akiko, Kenji und Yusuke, dass ich außer ihnen nur wenige japanischen Freunde hätte – weil die japanische Gesellschaft so kompliziert sei. „Wieso? Du kennst doch tonnenweise Leute“, sagte Kenji. Wir waren bei „Herrn Sakuras Meeresfrüchte-Land“, der gleichen preiswerten Kette, in der Yusuke, Akiko und ich in Fukui mit Joshua zusammen gesessen hatten. Akiko pickte mit ihren Stäbchen einige Fetzen Weißkohl aus dem Topf auf dem Gaskocher in der Tischmitte und legte sie in ihre Schale. In dem Topf waren Tofu, Schweinefleischstreifen und Gemüse bereits zu einer dicken Masse verkocht.

„Die eine Hälfte meiner Bekannten hat ausschließlich mit der Arbeit zu tun. Von den anderen, etwa Koji-kun, kenne ich nicht einmal den Nachnamen.“

„Dann meinst Du auf Japanisch nicht einfach Freunde, sondern richtig enge Freunde, Shinyu“, sagte Akiko. „Wenn wir Freund sagen, ist das Verhältnis erst einmal nicht so ungeheuer tief.“
„Wir in Deutschland sind mit dem Wort von Anfang an vorsichtiger.“

Jetzt dämmerte es mir. Die deutsche Idee von Freundschaft saß in Japan zwischen den Stühlen. Ein „Tomodachi“ ist praktisch jeder, der einen nicht ausdrücklich hasst. Aber ein Japaner hat nur einen oder zwei „Shinyu“. Ich starrte in den Topf. Dick und schwer blubbte ab und an eine Blase aus der Masse. „Vielleicht sollten wir noch etwas Suppe für den Topf bestellen?“ Kenji drückte den Knopf, der die Kellnerin rief.
Wir pickten eine Weile Tofu, Gemüse und Fleisch aus dem flachen Topf. Die Kellnerin kam und füllte ihn mit roter Suppe auf. Die verkochte Masse wurde wieder einigermaßen flüssig. Kenji-kun fing an, die dicken Weizennudeln hineinzuschieben. Akiko feuerte den Gaskocher an.

„Ihr Japaner macht es einem aber auch schwer mit dem Freund-werden“, wagte ich zu sagen. Ich benutzte einfach das normale Wort für Freund weiter. Sollten die beiden sich doch Mühe geben zu verstehen, was ich meinte. „Sich einfach nur gut zu verstehen, reicht nicht. Ihr testet einen erstmalerst mal für Jahre. Ein ‚richtig enger Freund’ wird man nicht so ohne weiteres. Das dauert ganz schön. Euch kenne ich ja schon seit mehr als zehn Jahren.“

„Es gibt da keine Zeitvorgabe, warum soll jemand nicht nach zwei Tagen ein richtig enger Freund werden“, sagte Akiko. Sie zog sich neue Nudeln aus dem Topf in ihr Schälchen.

„Erwachsene Japaner gehen Beziehungen zu anderen Leuten ziemlich abwartend an“, sagte ich. „Sie schauen erst einmal für Jahre, ob alles gut läuft, ob man sich aufeinander verlassen kann, ob sich im Kleinen keine schlimmen Fehler und Schwächen des anderen zeigen.“

„Ach das. Das betrifft doch eher Geschäftsbeziehungen und Nachbarschaften und so“, sagte Kenji.
„Halt! Frage!“, sagte ich und meldete mich mit ausgestreckter Hand. Die vier Mädchen am Nachbartisch erschraken wegen der heftigen Geste und brachen dann in krampfartiges Kichern aus. „Hätte ich irgendeine Chance, Euch heute einfach so in Tokio kennen zu lernen?“

„Weiß nicht, aber wir haben uns nun mal in Fukui kennengelernt.“
„Welche Chancen habe ich, mich mit anderen 30-Jährigen hier einfach so anzufreunden, so wie ich Euch jetzt kenne?“

„In Europa ist das sicher auch nicht ganz einfach.“

Jetzt gelang es mir wieder nicht, Japanern gegenüber rüberzubringen, was ich meinte. Die Sachen hier waren nicht komplett verschieden, sondern lagen nur knapp daneben. „Die plötzliche, so richtig spontan einschlagende Freundschaft ist in Japan unwahrscheinlicher. Ihr wollt Euch von sowasso was nicht überraschen lassen und zögert und tastet erstmalerst mal für Jahre“, verkündete ich und aß meine letzte Nudel .

Comments (2)

regokunApril 11th, 2010 at 18:55

Ehrlich gesagt, verstehe ich die Antworten der japanischen Freunde auch besser als deine ^^. Es ist in Europa oder “im Westen” als Nicht-Schüler/Nicht-Student auch sehr schwer Leute als neue “Freunde” zu gewinnen. Ob es “genauso schwer”, mehr oder weniger schwer als in Japan ist weiß ich nicht. Aber die natürliche Neugier der Japaner gegenüber Ausländern (so zumindest meine Erfahrung) führt dorch relativ schnell zu Kontakten. Ob und wie daraus “echte” Freunde werden ist wieder eine andere Sache, aber wie gesagt, ist genau das auch in Europa problematisch…

FinnApril 28th, 2010 at 15:00

@regokun: Stimmt, so gesehen ist der Unterschied gar nicht so groß. Vielleicht liegen Deutschland und Japan in ihrem Verständnis von Freundschaft sogar dichter aneinander als beide an (sagen wir mal:) den USA liegen. Finn

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