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Stammtischsprüche

Als ich mit Akiko und Kenji am Bahnhof Shinjuku an einem der braunen Lautsprecherwagen der japanischen Ultrakonservativen vorbeikam, hörte ich genau hin, musste mir aber einige Stellen erklären lassen. In einem eigentümlichen Singsang forderte der Redner die Rückgabe von Inseln, die heute zu Russland gehörten. „Muss das denn so lange nach dem Krieg noch sein?“, fragte ich.

„Es ist ja nicht so, als ob es in Deutschland keine Nazis gäbe“, sagte Akiko.

„Ach, den paar Skinheads im Osten kann man doch leicht aus dem Weg gehen“, behauptete ich leichthin.

 „Damit ist es nicht getan. In Saarbrücken in dieser Kneipe fragten uns einige Herren, woher wir kamen. Sie saßen unter einer Kuhglocke.“

„Deru Shutamutishu“, sagte ich.

Akiko schaute bloß für einen Moment irritiert und fuhr fort. „Sie waren schon etwas älter. Als ich sagte, wir seien aus Japan, prosteten sie uns zu. Wie freundlich, dachte ich.“

„Bestens, dann konntest du dich ja mit den Einheimischen verbrüdern.“

„Dann sagten sie: Nächstes Mal ohne Italien.“

„Ich verstehe nicht.“

„Wir erst auch nicht. Aber dann erzählten sie weiter, und wir kapierten, was sie meinten. Beim nächsten Weltkrieg sollen Japan und Deutschland zusammen kämpfeNône das unzuverlässige Italien in der Achse, dann würden wir gewinnen.“

Ich schämte mich. „Naja, das ist heute in Deutschland die völlige Ausnahme, so denkt wirklich kaum einer.“
Akiko guckte skeptisch.

Ich dachte an meine letzte Begegnung mit alten Knackern in Japan. In Tokio, in einer Izakaya, saßen fünf japanische Herren und ich beim Bier. Irgend jemand hatte für mich Würste, „Furankufurutah“, bestellt, die sich viel zu oft irgendwo auf der Speisekarte fanden. Die Herren aßen sie dann selber zu großen Gläsern mit Sapporo-Bier und lobten, was für eine gute Sache doch diese Würste seien. Wir alle kamen von einer Diskussionsveranstaltung zu jüngerer deutscher Literatur, zu der ich als Diskussionsteilnehmer gebeten worden war. Zu Gesprächen über Deutschland kamen nur noch wenige Besucher. Doch der harte Kern von Deutschlandfans schickte zuverlässig einige Abgesandte. Und jetzt saß ich mitten unter ihnen.

„Das war gar kein schlechtes Bündnis, damals“, sagte einer endlich.

„Hinterher lagen allerdings beide Länder in Trümmern“, sagte ich, schließlich wusste ich aus Fukui, dass solche Bemerkungen die Gestrigen stoppen.

Wir redeten noch ein wenig über die Bedeutung von Goethes „Werther“ für die heutige deutsche Jugend, wo sich die Herren durchaus kompetent zeigten. Es gab keinen Zweittreff.

Mensch, hatte ich da gedacht, hier gibt es tatsächlich noch Nester von Gestrigen. Doch nun hörte ich Akikos Geschichte und dachte mir, dass sich die beiden Länder kaum etwas nehmen. Im Gegenteil. Die jungen Leute in Japan hatten komplett mit der kriegslüsternen Vergangenheit gebrochen. Sie waren strikt gegen eine Wiederbewaffnung des Landes. Und es gab nicht auch nur annähernd so etwas wie Skinheads.

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