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Minijobber-Gesellschaft

Mit Akiko schaute ich eine Folge der Fernsehserie „Allgemeinen Abteilung II“, Shomuni. Da tauchte gleich eine ganze Reihe von japanischen Billigjobs auf. Die Firma der Hauptfiguren war da an einen Investor verkauft, der erst einmal alle Mitarbeiter entließ.
Die fünf Frauen von der „Allgemeinen Abteilung“ fielen nach der Entlassung auf die Füße . Eine von ihnen arbeitete als Arabisch-Übersetzerin für einen Scheich. Eine andere wurde Wahrsagerin. Die praktisch Begabte fuhr Taxi.

Dagegen bekamen die entlassenen Manager nur Billigjobs. Die zwei Typen von der Personalabteilung arbeiteten an der Tankstelle: einer füllte auf, einer putzte die Scheibe. Ein Abteilungsleiter leitete mit dem Leuchtstab den Verkehr um eine Baustelle herum.  

Der Firmenchef war am tiefsten gesunken und lebte in Kartons auf der Straße. Er konnte von allen Mitarbeitern am wenigsten, was praktisch anwendbar wäre. Denn im traditionellen japanischen Großunternehmen waren die Mitarbeiter vor allem Spezialisten in einem: im Umgang mit der eigenen Organisation.

„Früher sah das bei uns so aus“, sagte Kenji. „Mit 22 bist Du in in die Firma eingetreten und bliebst da bis 60. Das war das Rentenalter. Dann musste man die Leute auch loswerden, weil sie die oberen Positionen blockierten. Der Aufstieg kam mit den Lebensjahren automatisch, nicht nach Leistung.“

Akiko kannte beide Welten und erklärt, warum das für Deutsche so schwer zu verstehen war. „Wir Japaner hacken nicht so auf dem erlernten Beruf herum“, sagt sie. „Du hast ja in Fukui mitgekriegt, dass die Studenten an der Uni kaum was lernen.“

 „Sie schlafen im Unterricht!“

 „Die Leute traten also früher als Generalisten in die Firma ein und durchliefen dann ganz verschiedene Abteilungen. Die Firma merkte dann schon, wo die Stärken lagen. Ein Ingenieur konnte auch mal im Management landen oder ein BWLer in der Entwicklungsabteilung.“

„Nur eins macht er nicht: das Unternehmen wechseln. Denn was soll ein Mitsubishi-Experte schon bei Canon“, sagte ich, nachdem ich es kapiert habtte.

„Genau. Ihr Deutschen tragt dafür bis zum Gehtnichtmehr euer Ingenieursdiplom vor Euch her wie einen kostbaren Besitz. Die Leuten sagen einem in Deutschland beim Kennenlernen nie, für welche Firma sie arbeiten, sondern immer, was sie dort machen.“

„Ein Diplom-Ingenieur würde sich auch nicht für zwei Jahre ins Autohaus versetzen lassen“, sagte ich.

„Genau das ist mir im zweiten Jahr in der Firma passiert! Ich musste in den Verkauf“, sagte Kenji. Er hatte uns bereits mit Anekdoten über mäkeligen Kunden unterhalten.

„In Deutschland wäre eine Versetzung in den Verkauf höchstens als Strafe für den Diebstahl einer Büroklammer möglich .“

 „In Ordnung, ihr sagt, das war früher so. Und heute? Jetzt ist doch sicher alles anders?“
Akiko und Kenji schwiegen.

„Die Firmen suchen sich jetzt hochprofessionelle Spezialisten für die Jobs. Sie befördern nach Leistung. Sie werben Mitarbeiter auch in der Mitte ihrer Karriere von anderen Unternehmen ab?“, schlug ich vor.

„Nein“, sagte Kenji. „So sonderlich viel hat sich eigentlich nicht getan.“

In „Allgemeine Abteilung II“ retteten die fünf Frauen durch allerlei Intrigen doch noch ihre Firma. Sie diskreditierten den Investor und trieben mit dem Scheich einen neuen Geldgeber auf. Damit gerieten sie wieder unter die Fuchtel der Personalabteilung und der verschiedenen Chefs, aber der alte Zustand war wieder hergestellt.

Der Chef war vor dem  Pennerdasein gerettet und residierte wieder in Nadelstreifen in seinem riesigen Büro in der obersten Etage. Einen „Erfolg unseres Strategical Acquisition Management“, nannte er die Rettung der Firma.

Comments (2)

C.T.March 8th, 2010 at 22:21

Hallo Finn,
wir waren im Oktober in Japan und seitdem bin ich Japanfan. Wir waren 2 Wochen ganz in Familie und den Rest privat….. Vorher las ich verschiedene Reisebücher und alle waren gräßlich…Deine Berichte finde ich ganz spannend. Manchmal trennen uns eben Welten. Du solltest ein Buch schreiben!!!!!

FinnApril 8th, 2010 at 10:14

Hallo C.T.,
vielen Dank für den Kommentar! Tatsächlich habe ich ein Buch geschrieben, der Titel ist der gleich wie der dieses Blogs. Yoroshiku onegai shimasu!!

Finn

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