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Japan durch Babyaugen

Bevor Petra nach Deutschland zurückfuhr, machte sie noch eine Reise durch Kioto und andere Städte. Auf dem Rückweg übernachtete sie noch einmal bei mir.

„Das Land strengt wirklich an“, sagte Petra.

„Sicherheit und Service sind doch erste Klasse.“

 „Daran liegt es nicht. Es ist, als ob man mehr Energie braucht, um seine Eindrücke zu verarbeiten, weil aber auch wirklich alles ausnahmslos so völlig fremd ist.“


Petra erklärte mir, was sie meinte. Auch wenn sie in Rumänien oder Polen eine Kirche besuchte, kannte sie das Grundmuster. Den Altar, die Symbole, die Grundmuster der Architektur. In Japan fand sie nichts, woran sie sich orientieren konnte. Dazu kam, dass sie außerhalb von Tokio kaum etwas lesen konnte. Überall nur Schriftzeichen.

„Hier bin ich wieder ein Baby. Man weiß gar nicht, wo man hingucken soll. Und wo man auch hinschaut, so vieles versteht man nicht. Das ist es, was so anstrengt.“ Gegen Ende des Rundreise habe sie einen Tag komplett verschlafen, um sich von all dem Neuen zu erholen.

Umgekehrt bereiteten Besucher von draußen uns festen Japan-Bewohnern einige Mühe. Wir mussten ihnen alles und jedes erklären. Warum Japan so ist, wie es ist. Warum überall komisches Englisch draufsteht, das uns gar nicht stört. Wo sie am Zug anstehen mussten. Was der Unteschied zwischen einem Tempel und einem Schrein war. Wir mussten pausenlos reden und gerieten immer wieder ins Schwadronieren über Japan.

„Kommende Woche kommen meine Schwiegereltern“, das war anderen Ausländern gegenüber eine Generalentschuldigung für ein komplettes Verschwinden von der Bildfläche. „Das wird sicherlich hart“, lautete gemeinhin die mitfühlende Antwort, begleitet von einem wissenden Kopfnicken. Diese Leute wussten, dass es bedeutet, in echt japanischen Restaurants Messer und Gabel bestellen zu müssen. Viele Langnasen auf der Durchreise zermetzgern dann die Stücke Fisch oder Fleisch noch einmal, obwohl der  Koch sie bereits mundgerecht geschnittenen hat. Sie tun das aus reinem europäischen Schneidzwang heraus.

Dazu kam noch, dass sie japanisches Essen wie in Deutschland erwarteten, schön auf dem Teller mit Beilage und Gemüse.

Beim Besuch im Schrein war eine endlose Kette von Erkärungen nötig: „Oh Gott nein, bitte tauch deine Hand nicht in die heilige Quelle!“ – „Ich dachte, das sei hier wie mit dem Weihwasser in der katholischen Kirche?“
Petra war jedoch ansonsten vom Warenangebot in Japan völlig hin und weg. „Die haben hier auch all die westlichen Sachen. Ich dachte immer, dass es in Japan keine Butter gibt.“

Die kleine Bäckerei gegenüber meiner Wohnung verkaufte wunderbar tatsächlich knuspriges Baguette und fluffige Croissants. „Das ist Längen besser als bei mir in Berlin“, gab Petra zu. Oder die Windbeutel, Sachertorten und Biscuitrollen aus der Konditorei an der nächsten Ecke. Die Käseauswahl im Supermarkt. Die Weinkarte beim Franzosen.
„Ihr habt hier echt alles“, sagte Petra, „vieles ist bloß schweineteuer. Aber nicht einmal alles. Die super-leckere Pasta bei deinem Italiener kostet auch nicht mehr als in Berlin, und da ist sie schon billig.“

Wenn sie das mal gesagt hätte, als meine Freunde sie nach ihren Eindrücken gefragt hatten.

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