Google+ Peking Total » Blog Archive » Echtes Karaoke, nicht echt genug

Echtes Karaoke, nicht echt genug

Auch anderen Besuchern aus Deutschland war – wie Petra – das wahre Japan entweder zu japanisch oder nicht japanisch genug. Ein Grüppchen Reisender unter meiner Obhut meldete in Shibuya an: „Jetzt wollen wir zur Karaoke gehen!“ In Ordnung, sagte ich und steuerte auf eines der besseren Karaoke-Häuser zu. „Das hier soll Karaoke sein?“, fragte die einzige Frau in der Gruppe. „Wo ist denn die Bar?“ – Es stellte sich heraus, dass die deutschen Besucher gar nicht selbst singen wollten, sondern zusehen, wie Japaner sich öffentlich zum Affen machten.

Sie wollten also nicht in eines der typischen Einzelzimmer gehen, sondern in eine Bar, wo die Japaner vor allen anderen sangen. Am Abend vorher hatte die Besucherin etwas gesehen, was sie für so einen Ort hielt.
Sie führte uns hin, und wir standen vor einem Ort, an dem ich schon öfter vorbeigekommen war, ohne ihn wirklich wahrzunehmen: eine Art Restaurant mit Bühne für Sänger mit weiter Glasfront. Riesig blinkte eine Leuchtreklame auf Englisch „K a r a o k e“. Solche Singbars waren sind in Japan nun ungefähr so häufig wie Hofbräuhäuser mit Trachtenabenden in Deutschland. Aber da gehen nun einmal die Touristen hin, weil es „da deutsch“ genug ist.

Übrigens kannte ich tatsächlich zwei extrem nette Karaoke-Bars – gar nicht mal weit weg. Ich hätte jedoch den Teufel getan und diese Ausländer dahin mitgenommen. In Roppongi lag das „Be“, in dem die mittlere Generation voll aus sich heraus ging. Das wäre vermutlich genau das gewesen, woran sich die Deutschen gerne ergötzt hätten, ich wäre bloß vor Scham umgekommen.

Die Stimme des fest angestellten Sängers im Be klingtang wunderbar weich und tief, und er interpretierte vor allem oft gespielte Lieder mit viel Humor. Er verstandeht es auch, die Stimmung aufzubauen und anzuheizen. Die Schwingungen im Raum wogten dann immer höher. Gegen zwei Uhr morgens hieält nichts mehr die Besucher auf ihren Stühlen und Hockern. Einmal entriss ein Kunde entriss dem Sänger das Mikrofon und schmetterte zu den Klängen der Band seine Lieblings-Songs, meistens melodiösen Rock aus den Sechzigern. Alle anderen tanzten mit, einige johlten wie im Soul-Gottesdienst.

Auch die zwei Greise, die sonst immer im Hintergrund saßen, standen nun auf und klatschten froh grinsend mit. Ein jüngerer Gast, wie die Mehrzahl der Männer im dunkleln Anzug direkt von der Arbeit gekommen, forderte die letzten noch sitzenden Gestalten zum Mitmachen auf und klaute einem von ihnen die Ehefrau für ein Tänzchen. Ein Kellner wedelte derweil mit zwei farbigen Fächern hektisch vor einem gelben Scheinwerfer. Damit erzeugte er die Lichteffekte.

Das gesamte Be ließ lässt sich mit wenigen Schritten durchmessen. Etwa dreißig Gäste habtten Platz, aber dann war ist der Laden auch schon ziemlich voll. Wie immer waren sind die Tische, die Bar, die Sitze viel zu niedrig für die langen Beine von Europäern, aber das gibt den Japanern Gelegenheit für einen gutmütigen Scherz. Ich hatte den Zugang zum Be über einen Japaner gefunden, der seit den Achtzigerjahren als Stammkunde hinging. Ein anderer Ausländer aus meinem Bekanntenkreis hatte die Aufnahme auch alleine geschafft – der Wirt und Animateur aus dem Be ging zum eigenen Spaß manchmal in eine wilde Rockkneipe um die Ecke, wo die beiden sich kennen gelernt hatten. „Hue“, wie der Mann sich nannte, lief auch heute Abend im grünen Hawaiihemd durch sein Reich, begrüßte alle mit Namen und sorgte für Stimmung. Manchmal schnappte er sich das Mikro auch selbst und sang eine kleine Ballade. Wenige Sekunden, nachdem unser Fünfergrüppchen hereinkam, erschien eine Flasche Chivas Regal vor uns, auf der wir letztes Mal mit weißem Marker unterschrieben hatten. An den Wänden standen diese beschrifteten Whiskeyflaschen in drei Reihen bis zur Decke. Wie die Kellner jedes Mal die richtige Flasche wiederfanden, war mir ein Rätsel. Wir tranken diesmal eine der Flaschen leer und fingen eine neue an.

In der Mitte des Raumes saß die Keyboarderin, die unweigerlich jedes Lied aus dem Kopf spielen konnte, sich jedoch trotz des Tobens um sie herum nie eine Regung anmerken ließ. Sie hielt sich ganz stocksteif auf ihrem kleinen Hocker, die langen schwarzen Haare fielen links und rechts neben ihrem gleichmütigen Gesicht herunter. Der Gitarrist war der Sohn der Sängers, erzählte mir mein japanischer Bekannter. Der Sänger wiederum war mindestens 70 Jahre alt und hatte sich schon vor einer Stunde zurückgezogen, weil ihn der Rauch von unseren Zigarren störte. Die Kellnern hatten vorher schon den Luftreiniger über uns auffällig fummelnd auf die höchste Stufe gestellt. Doch mit Ignoranten dahingehen statt mit Freunden? Undenkbar.
Noch näher an den Vorstellungen der oberflächlichen Besucher aus Deutschland liegtlag vermutlich die „Bar Fuji“ in Shinjuku, im Keller eines Wohn- und Geschäftsgebäudes.

Die Gäste des Fuji setzten sich nach dem Hereinkommen an die Theke und plauderten erstmalerst mal mit dem Barmann. Ich habe mal die Plätze gezählt und bin auf 15 Leute gekommen, die sitzen können, der Rest muss stehen. Wenn einem der Gäste danach warist, wählte er am drahtlosen Eingabegerät ein Lied aus, ließ lässt sich vom Barmann das Mikro geben, legte 100 Yen in einen der Geld-Aschenbecher auf dem Tresen. (Kunden der Bar erkennen den Unterschied zwischen den Geld-Aschenbachern und den Aschenbechern für Asche intuitiv.)

Der Sänger wandte wendet sich während des Intros einem der Bildschirme zu, holte Luft und schmetterte los.
Die meisten Gäste hier konnten können hier wirklich gut singen. Hinterher klatschen alle Anwensenden und kommentieren das Lied: Das ist wirklich ein wunderbar sanfter Song. — Du hast auch die schnellen Stellen völlig fehlerlos geschafft. Wenn es voller wurdewird, erinnerte mich die Atmosphäre dann eher an Eckkneipen in Köln. Jeder kam kommt mit jedem ins Gespräch, und hinterher wusste weiß ich zumindest den Beruf, wenn nicht sogar einige der Nöte meines Nebenmanns. Der Wirt akzeptierte mich, weil ich auf Japanisch sangsinge.

Der erste Mal hatte mich mein alter Freund Yusuke mitgenommen.

Niemals würde ich fünf laute, raumgreifende, komplizierte Deutsche dahin mitnehmen. Drei der kleinen Tische wären mit so einer Gruppe komplett verstopft. Vermutlich würde mich der Barmann erstmalerst mal kühl behandeln, wenn ich mich wieder blicken ließe. Und schön singen können die meisten Deutschen auch nicht. Das schließt mich ein, aber immerhin sainge ich auf Japanisch und erntete damit Achtungspunkte. „Schmerzliche Schnee“, „Meeresschnee“, „Jenseits der Himmelsburg“, „Rasho-Tor“ . Ich hatte mir ein Repertoire aufgebaut, Kenji sei Dank.

In der Bar Fuji ging geht es eher bedächtig zu, zumindest unter der Woche. An Samstagen wurde wird es manchmal ordentlich laut, wenn die Sänger gegen den Hintergrundlärm der Trinkenden ansiangen. Aber auch dann hörte die Mehrheit wirklich der Musik zu.

Daran dachte ich, als ich mit den deuschen Touristen in Shibuya vor dem prächtigen Singtemplel stand – der jedoch schon geschlossen hatte. Die Aufforderung an mich lautete also: „Wir wollen jetzt in eine tolle Bar, am besten mit Blick über die Stadt, aber nicht in einem der Hotels, und nicht zu teuer. Du wohnst doch hier!“ – Ich hasste solche Touristenwünsche, ob in Berlin, Tokio oder sonstwo. Nur weil einer irgendwo wohnt, soll er sofort den perfekten Laden herbeizaubern können, derie zugleich den Klischees entspricht und natürlich trotzdem traditionellecht ist.

Ich kenne eine Menge Bars in Tokio, aber nicht in Shibuya. Schließlich bin ich weder Teenager, noch Trendscout, noch pervers. Ausschließlich diese drei Gruppen sammelten sich in diesem Viertel.
Ich musste das Grüppchen auch ermahnen, nicht immer die Rotlichtläden frontal zu fotografieren. „Sonst könnte einer ärgerlich werden, auf den Bildern sind ja auch Kunden zu sehen.“

„Welche Rotlichtläden? Mir gefiel nur die Gestaltung in rot und und pink mit den halben Pfirsichen drauf. War das kein Fruchtladen?“

Als wir die Gegend verließen, zeigte ein Teilnehmer auf ein Geschäft hinter einer Hausfassade in Pinktönen. „Das ist dann sicher auch so ein Prostitutionsladen, wo Baby Puppy Doll steht!“

„Nee“, sagte ich, „das ist wirklich ein Tiergeschäft für Welpen.“

Los, schreib' einen Kommentar!

Dein Kommentar