Google+ Peking Total » Blog Archive » Ideal und Wirklichkeit

Ideal und Wirklichkeit

Meine alte Freundin Petra dachte anfangs, die Söhne und Töchter des Tenno pflegten eine Kultur von Stille und Buddha und ließen pausenlos im Schneidersitz den Blick über sanfte Hügel streichen. Sie wohnte in Berlin und hatte einen kleinen Hang zur Esoterik. In ihrem Schrank standen Bücher wie: „Die Freiheit des Zen: Das Zen-Buch, das alle Begrenzungen sprengt“, oder: „Seid wie reine Seide und scharfer Stahl: Das geistige Vermächtnis des großen Zen-Meisters“.
Petra arbeitete für eine Musikfirma und war in eine Abteilung gekommen, in der sie öfter nach Japan reisen durfte. Sie war eine wirklich gute Freundin, und deshalb trafen wir uns bei diesen Gelegenheiten. Petra hatte jedoch auch einen ausgprägten Widerspruchsgeist. Deshalb stritten wir uns öfter in und um Japan.

Sie traute Weisheitslehren aus Fernost mehr Wahrheit zu als westlicher Philosophie. Japan war für sie nach Lektüre der schlauen Bücher das Land, in dem zwei Menschen bei Tee zusammen sitzen und schweigen, und ein Problem löste sich.

So bastelt sich jeder von Deutschland aus sein Japanbild.

Ich kenne einen Liebhaber von Audiogeräten, der Japan für das Himmelreich der Analoganlagen hält. Er sah ein Tokio voller High-End-Anlagen vor seinem inneren Auge und stellte sich den Blick auf Wohnhäuser vor, in denen Zimmer für Zimmer Röhrenverstärker und gediegene Plattenspielern stehen, auf denen Jazz mit dem nötigen Kratzen in sattem Sound läuft.

Liebhaber von Bildergeschichten Fans träumen vielleicht von Zusammenkünften, auf denen alle wie der heranwachsende Ninja Naruto verkleidet sind. Andere fragen mich immer wieder nach den Automaten, aus denen sich Unterwäsche ziehen lässt, die von Schulmädchen getragen wurde. Die Geschichte geisterte einige Zeit durch die Medien, wo sie einer vom anderen abschrieb. Ich versichere hiermit, es gibt diese Automaten nicht.

 „Mit Buddhismus hat der gewöhnliche Japaner eigentlich gar nicht so viel am Hut“, sagte ich.

„Er steckt aber in der kulturellen Essenz Japans“, klärte sie mich auf. Vermutlich waren einige ihrer Bücher von Japaner geschrieben, bei denen klingt das auch immer so.

„Meditation und innere Einkehr sind hier nur etwas für eine winzige Elite, der gewöhnliche Japaner geht zum Pachinko“, sagte ich.

„Du bist doch auch in diesem Fukui in den Tempel gegangen“, trumpfte Petra auf.

Ich erinnerte mich an die Zeit, als wir beide noch in Deutschland gewohnt hatten. Petra hatte mir die wahre japanische Aussprache von Tempura, einem Frittiergericht, nicht geglaubt. „Ten-npla“, sagte ich. „Aber nein“, sagte sie, „das heißt doch Ten-puhh-ra…“ So ungern verabschiedete sie sich von ihrem Japanideal.

Los, schreib' einen Kommentar!

Dein Kommentar