Google+ Peking Total » Blog Archive » Zu zähe Ohrschnecke

Zu zähe Ohrschnecke

Mit meinen Eltern fuhr ich in ein Ryokan, ein japanisches Gästehaus. Ich hatte zwei Nächte im besten Haus am See Hamana in der Präfektur Shizuoka gebucht. Hier herrschte eine supervornehme Atmosphäre, und der Architekt hatte sicher mit der Innenausstattung einen Wettbewerb gewonnen. Schon in der Lobby führten kleine Brücken über Bächlein und Steingärten hinweg zu Tatami-Sitzlandschaften, die durch ihre Gediegenheit vom Sitzen abschreckten. Doch der Besuch sollte noch ziemliche interkulturelle Zusammenstöße bringen.
Meine Mutter war vor dem Abendessen besorgt, was sie anziehen sollte. „Du hast gesagt, hier laufen alle leger rum, und jetzt ist das so ein edler Laden. Wenn ich das gewusst hätte…“ Sie fischte doch noch eine teure Bluse aus dem Gepäck und zog ihre guten Schuhe an. Später im Hotelrestaurant mit Blick über den See hatten alle Japaner entweder den Yukata an, das war hier erlaubt, oder sie trugen Jeans und T-Shirt. Im Ryokan ließen die Leute sich gehen. Alle mussten die Schuhe ausziehen, die kamen in den Schuhschrank. Meine Mutter sah ihren Statussymbolen traurig hinterher, als sie auf Socken zum Tisch weiterschlich.

Das Menü bestand ausschließlich aus den Fischgerichten, auf die das Haus so stolz war. Auf einem Stück roher Meeres-Ohrschnecke kaute mein Vater kurz herum, dann spuckte er die Stücke schnell aus. Beim Sashimi bemerkte ich, wie er würgte und schnell einige Stücke weißen Tintenfischs aus seinem Mund zog. Zu spät. Es kam ihm hoch, und er spuckte gekauten, aber unverdauten Fisch in die Sashimi-Schale.

Ich aß erst cool ein Stück Thunfisch auf, das ich gerade zwischen den Stäbchen hielt. Er deckte derweil das Menüblatt über seine Sashimi-Schale. Eines der Mädchen im Kimono war herbeigesprungen und transportierte das Objekt schnell ab. „Mir war dieses zäh-schleimige Zeug im Hals stecken geblieben“, entschuldigte sich mein Vater.

Aus den Augenwinkeln sah ich den Horror in den Gesichtern der anderen Kimono-Mädchen am Rand des Saals. „Sollen wir weiter servieren?“, fragte mich leise unsere Hauptkellnerin. „Klar, es ist alles in Ordnung“, behauptete ich. Tatsächlich freuten die zwei Deutschen sich über das nächste Gericht. Rinderfilet mit Kartoffeln und Karotten in einer Porzellanschale mit Deckel. Fast schon deutsch.

Beim süßem Mandeltofu mit eingelegten Früchten erinnerte ich meine Mutter an ein Gespräch vor einigen Wochen. Ich hatte sie nach ihrem bevorzugten Essen gefragt, und sie hatte sich Japanisch gewünscht. „Nie im Leben wollte ich sowasso was!“, behauptete sie nun aber entrüstet.

„Was habt ihr denn erwartet?“

„Na, Hähnchen süß-sauer oder so.“

Auf dem Zimmer fütterte ich die Eltern mit Schokokringeln, die ich vorsichtshalber mitgenommen hatte. Meinem Vater fiel ein Splitter von der Schokoglasur auf die Tatami-Matte und machte einen Fleck. Ich rastete fast aus – Tatami sind heilig, und auch meine eigenen Matten halte ich sauberer als mein Gesicht.
„Reg dich nicht so auf, was macht schon der kleine Fleck auf diesen Matten“, sagte er. Was mir solche Momente so schwer machte, war der Spagat zwischen dem eigenen Japan-Perfektionismus und dem Verständnis für Besucher.

Plötzlich verstand ich die japanischen Gästehäuser, die westliche Kunden schlichtweg ablehnten. Das passierte auch Amerikanern, die länger im Land lebten. Sie regten sich meistens furchtbar auf, schrien: „Diskriminierung!“ und verglichen die Praxis der Hoteliers mit der Apartheid in Südafrika.

Doch jetzt dachte ich mir, dass die Ryokan ausländische Gäste auch zu ihrem eigenen Besten ablehnen. „Langsam fühle ich mich von all den japanischen Regeln gegängelt“, sagte meine Mutter, als ich sie auf die Trageweise des Yukata und den Linksverkehr auf den Gängen hingewiesen hatte. Wer weiß, vielleicht hätte selbst dieser luxuriöse Laden uns nicht genommen, wenn ich nicht hinterhältig übers Internet gebucht hätte.

Den nächsten Schock mussten die deutschen Gäste am folgenden Morgen verkraften. Ich hatte ein westliches Frühstück in Aussicht gestellt, weil die meisten Ryokan bisher sowasso was angeboten hatten. Doch dieses Haus war sich dafür zu vornehm. Auf dem Tisch schön aufgebaut fanden sich sieben verschiedene Fischgerichte, Reis und Misosuppe. „Ein Alptraum, der wahr wird“, sagte mein Vater und sank auf den Stuhl. „Ich hatte mich so auf etwas zu essen gefreut“, sagte meine Mutter.

„Brot besitzen wir in diesem Hause nicht, auch nicht in der Küche“, sagte, verlegen und entsetzt, die Bedienung im Kimono. „Haben Ssie vielleicht zumindest einen Kaffee?“, fragte ich.

„Wir werden sehen, was sich machen lässt.“

Der Kaffee kam dann, nach langem wWarten und mit großer Zeremonie in japanischen Schälchen. „Ich dachte, ihr kennt Japan, ihr wart doch schon zweimal da“, wunderte ich mich über das Entsetzen der Eltern.

„Da waren wir in großen Hotels in Tokio.“

Später beim Verlassen des Bades erschreckte mein Vater eine Reinigungsfrau. Sie wollte ihm höflich einladend den Weg Richtung der Bäder weisen und streckte die Hand aus. Mein Vater ergriff sie und schüttelte sie kräftig.

„Good afternoon, thank you!“ Die Dienstkraft floh in ein Hinterzimmer.

„Wir freuen uns über Ihre Abr… ihren Aufenthalt“, sagte beim Auschecken der Manager. Im Auto zog ich mein Handy aus der Tasche und rief das Ryokan an, in dem wir an folgenden Abend bleiben wollten. „Ich möchte die Reservierung ändern. Bitte servieren Sie uns auf jeden Fall ein westliches Menü!“

„Das war richtig schön“, freute meine Mutter sich unterwegs zu meiner Überraschung. „In diesen schlichten Tatami-Zimmern mit dem Blick auf die grünen Hügel findet man richtig zu sich selbst.“ Also doch.

Comments (3)

C. LanderSeptember 29th, 2010 at 08:23

Brilliant formulierte kleine Geschichten. Witzig und auf den Punkt gebracht.
Kann das alles nur zu Gut nachfuehlen, lebe seit Jahren selbst im asiatischen Raum.
Weiter so.

Ilona Pöthe-FackinerDecember 31st, 2010 at 18:51

Hallo, Finn,
mit Beseisterung habe ich die `Langnasen`verschlungen. Ich vorbereite und begleite aufgrund einer Städtepartnerschaft mit einer Stadt in Tochigi seit 10 Jahren einen Schulaustausch das bringt ähnliche Verwirrungen mit sich. Die Generation der Schüler scheint mir jedoch bereits sehr westlich orientiert zu sein. Im August kommt die nächste Schülergruppe und wir fliegen im März 2012 zum Gegenbesuch.
Dieses Land und die Menschen haben mich ganz in ihren Bann gezogen, sie haben sich vieles bewahrt, was uns abhanden gekommen ist.
Liebe Grüße Ilona

Ilona Pöthe-FackinerDecember 31st, 2010 at 18:51

Hallo, Finn,
mit Beseisterung habe ich die `Langnasen`verschlungen. Ich vorbereite und begleite aufgrund einer Städtepartnerschaft mit einer Stadt in Tochigi seit 10 Jahren einen Schulaustausch das bringt ähnliche Verwirrungen mit sich. Die Generation der Schüler scheint mir jedoch bereits sehr westlich orientiert zu sein. Im August kommt die nächste Schülergruppe und wir fliegen im März 2012 zum Gegenbesuch.
Dieses Land und die Menschen haben mich ganz in ihren Bann gezogen, sie haben sich vieles bewahrt, was uns abhanden gekommen ist.
Liebe Grüße Ilona

Los, schreib' einen Kommentar!

Dein Kommentar