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Izakaya

Um uns für den anstrengenden Sport zu belohnen, gingen wir nach dem Besuch von “Round One” in eine Izakaya. „Der sich ergießende Mond“ lag in der Nähe des Bahnhofs Kawasaki in einem fünften Stock und war geschmackvoll in dunklem Holz, Bambus und Granit dekoriert. Unsere Gruppe passte knapp in ein achteckiges Einzelzimmer mit rundem Tisch und Loch darunter für die Beine. Wir bestellten einen Simmertopf mit Gemüse, Tofu und Kimchi für die Tischmitte. Dazu frittierten Knorpel, Hackfleischspieße, gesottene Kräuterseitlinge, Salate und Sashimi. Es kamen nacheinander Bier, Sake und verschiedene Varianten japanischen Branntwein: Kartoffelschnaps mit würzigem Aroma aus Okinawa, oder Reisschnaps mit Grapefruitsaft.
Danach gingen wir alle zu Kenji, um uns mal seine Wohnung anzusehen. Unterwegs kauften wir noch Desserts in einem unterirdischen Supermarkt im Bahnhofskomplex. Die Verkaufsfläche war riesig, und der Laden hatte alle erdenklichen Lebensmittel aus Japan, Asien und dem Westen. Ich beneidete Kenji um Kawasaki als Wohnort. Es wohnte sich hier besser als in der vollgestopften Tokioter Innenstadt.
Seine Wohnung lag in einem neuen Hochhaus in der Nähe. Japaner laden fast nie jemanden zu sich nach Hause ein, nur wirklich gute Freunde. Wem würde Kenji schon sein Appartement zeigen? Höchstens noch einem Date, wofür er vermutlich auch so perfekt eingerichtet war. Er lebte den Gegenentwurf zu den völlig vollgestopften Wohnungen, von denen es in Japan so viele gab. Sein Appartement war vielleicht 25 Quadratmeter groß und überall in Beigetönen gehalten. Es lag nur drei Gegenstände im Raum: Die Universalfernbedienung für Fernseher und Musik, ein Notebook von Apple und ein iPod. Kenji legte nach dem Hereinkommen sein iPhone dazu und hängte seine Jacke in den Schrank hinter einer cremefarbenen Schiebetür. Da er die Tür offen ließ, konnte ich später unauffällig seine Kleidungsstücke mustern. Er besaß von allem nur eben so viele Teile wie nötig.
Da ich wusste, dass Kenji gerne shoppen geht, war eines klar. Er musste ständig Kleidung entsorgen. „Wirst du die G-Star-Jeans vom vergangenen Jahr weg, wenn du eine neue Armani-Jeans kaufst?“
„Kann schon mal vorkommen.“
Japan.
Sein schöner Gasherd sah unbenutzt aus. „Ich esse immer draußen und nie hier“, erklärte Kenji. Ich zog die Schublade zu dem Miniofen heraus. Drinnen waren noch Klammern für den Transport festgemacht. „Weißt Du was, das ist echt schade, dass Du den schönen Herd nie benutzt.“
„Das hätte ohnehin keinen Sinn, ich kann nichtmal ein Ei braten“, sagte Kenji.
„Finn kann kochen. Er hat schon in Fukui solche Sachen gemacht wie Rindfleisch in italienischer Sauce und Fischen auf Gemüsebeet. Er macht sogar Salatsaucen selbst“, sagte Akiko.
„Ich koche zwar öfters japanisch, aber von den europäischen Sachen würde ich gerne mehr lernen“, sagte Yusuke.
Der Plan gewann Eigenleben. Akiko hatte bald darauf eine Kochparty bei mir beschlossen und alle Anwesenden eingeladen. „Finn schickt noch eine Mail mit den Details herum!“, informierte sie mich. Damit hatte Akiko schon zwei Einladungen zu mir angeleiert. Dabei hatten wir den „Topf“, das japanische Fondue, noch gar nicht gemacht.
Ich sah mir die Zeitschriften auf dem Couchtisch an. Es waren drei Modemagazine  darin. Ich wusste, dass diese Dinger gewaltige Auflagen erzielen und die meisten durchschnittlichen Männer sie kauften, um sich über die neusten Stile zu informieren. Ein Traum für Modefirmen, dieses Land.

„Richtest du dich wirklich danach?“, fragte ich.

„Naja, ich gucke nur, was drin ist. Aber ich versuche, meinem eigenen Stil zu folgen“, sagte Kenji. Vermutlich gaben sich alle Leser dieser Blätter solchen Illusionen hin.
Kurz nach Mitternacht in der letzten S-Bahn nach Tokio versuchte ich bei Akiko über Kenjis Wohnstil zu lästern. Das Lästern war ein deutscher Reflex, der bei Japanern manchmal nicht gut ankommt. Vielleicht lästerten sie auch einfach nur anders.

„Der übertreibt es mit dem Designfimmel“, sagte ich.

 „Wieso? Findest Du seine Wohnung nicht sauber und schön?“

„Doch, klar. Aber hast Du gesehen? Selbst die Fotos am Kühlschrank sind keine individuelle Schnappschüsse. Es sind Kunstpostkarten von Profi-Fotografen. Auf allen dominieren hellgelb und weiß, genau wie in der Wohnung. Das ist doch übertrieben.“

„Kenji hat eben einen Sinn für so was.“
„Diese Modezeitschriften, das ist doch affig für einen Mann.“
„Wieso, warum sollen nicht auch Männer wissen, was läuft?“
Ich gab auf. Akiko schimpfte zwar über alles Mögliche, aber sie lästerte nicht über Freunde .

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