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Strenge Christen

Mit fünfzehn anderen Studenten machten wir einen Ausflug an die Küste. Der Onkel eines Bekannten hatte dort ein großes Sommerhaus – ein einstöckiges Holzgebäude im japanischen Stil mit mehreren Nebengebäuden. Wir vergnügten uns den Tag über am Strand in den hohen Wellen. Ich ließ mich so oft auf den rauen Sand werfen, bis meine ganze Haut wund war.
Abends grillten wir auf heißen Eisenplatten neben dem Sommerhaus. Im japanischen August ist es auch nachts in kurzer Hose und T-Shirt noch heiß. Es gab reichlich Bier, und ein Mädchen aus Kyushu erzählte mir von ihrer katholischen Bekehrung.
Sie hatte sich erst vor einigen Wochen taufen lassen und glühte vor Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus. „Ich verstehe gar nicht, warum all diese Leute nicht anerkennen, dass er für unsere Sünden gestorben ist!“, klagte sie. Als sie hörte, dass ich seit Jahren nicht mehr in der Kirche gewesen war, umwölkte sich ihr Gesicht. „Gott will, dass wir ihm unsere Hingabe zeigen.“ Auch die Leichtigkeit, mit der ich die Vorbereitung auf das Leben nach dem Tod abtat, machte sie traurig. „Unser diesseitiges Leben ist nur ein Wimpernschlag, in dem wir für das Paradies getestet werden. Es ist töricht, für diesseitige Genüsse auf eine Ewigkeit in Glücksseligkeit zu verzichten. Als Europäer muss dir das doch klar sein.“
Wie gesagt, jemand hatte reichlich Bier eingekauft, deshalb musste ich hier lachen und fing an, das Christentum in seiner dogmatischen Ausprägungen schlecht zu machen. Ich redete von den Kreuzzügen und der Hexenverbrennung, und wenn ich mich recht erinnere, erzählte ich etwas von einer Kooperation des Vatikans mit den Nazis.
Wenn Japaner Christen werden, dann meinen sie es bitterernst. Schließlich wurden sie nicht als Baby getauft, sondern sie haben sich bewusst mit der Religion auseinandergesetzt und eine Entscheidung getroffen. Ich hätte nicht lachen sollen. Heute würde ich die Gefühle eines japanischen Christen nicht mehr so verletzen. Das Mädchen ließ mich unter einem Vorwand stehen.

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