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Unsinnige Tattoos in Schriftzeichen

Einer der vielen Englischlehrer hier erzählte mir von den Sorgen eines Kollegen mit seiner Tätowierung. Als glühender Asien-Fan hatte er sich als Teenager zuhause in Australien Schriftzeichen für seinen Namen in den Arm stechen lassen. Dachte er wenigstens. Doch jetzt in Japan hat er nicht nur den Ärger, dass er nicht in die wunderbaren heißen Bäder hinein darf – Tattoos sind dort strikt verboten. Er muss auch mit den Reaktionen der Japaner leben: entweder höflich hochgezogenen Augenbrauen oder lautes Lachen.

Etwa 99 von 100  Tätowier-Studios haben nicht die geringste Ahnung von Schriftzeichen. Sie schreiben ihren armen Opfern einfach irgendwas in den Arm. Im Falle des Kollegen des Englischlehrers sind es dem Handyfoto zufolge die Zeichen für “Heben – Süden – Freudig – Hauptstadt – Himmel – Neu”. Weiß der Himmel, was der Tätowiermann sich dabei gedacht hat. Das ziert jetzt seinen Oberarm.

Sowas kommt ziemlich häufig vor, glaube ich. Ich war vor zehn Jahren in Berlin mit meiner chinesischen Sprachpartnerin auf der Straße unterwegs, als wir vor uns einen jungen Mann erblickten. Er hatte sich das japanische Kurzzeichen für “Drachen” in den Nacken tätowieren lassen. Die Chinesin lachte. Sie dachte, sie habe das chinesische Zeichen für Schildkröte vor sich, bloß falsch gezeichnet. 

Dieses Zeichen steht in ihrer Heimat auch für Impotenz. Die Verwechslung war verständlich. Das Schriftzeichen war ungelenk tätowiert, die Proportionen stimmten nicht.

Ich traf einmal einen Jungen namens Paul auf einer Party, der „Kopf – Frau – Extrem – Hand“ in schiefen Zeichen auf seinen Arm tätowiert hatte und fragte ihn, ob er vielleicht Gewalt gegen Frauen vorhatte? Nein, das sei doch sein Vorname auf Chinesisch, antwortete er.

(Alle Leute, die mit falschen Zeichen herumlaufen, bestehen selbst Muttersprachlern gegenüber bis zum Gehtnichtmehr darauf, dass es stimmt, was ihnen der Tätowierer auf der Reeperbahn / die T-Shirtverkäuferin in Kreuzberg / der Schmuckhändler im Bahnhofsviertel gesagt hat.)

Ich erklärte ihm, dass die Zeichen sich höchstens „Shounü Jishou“ lesen und seinem Namen nicht im geringsten ähneln.

Es ist mir ein Rätsel, wie die Tattoo-Studios auf diese Schriftzeichen kommen. Doch professionelle Gestalter begehen nicht minder schlimme Verbrechen. Ein Kopfkissen, das ich in einem Bettenladen sah, hielt ich dagegen für den Scherz eines Muttersprachlers im fernen China. Darauf stand groß und deutlich: „Stirb und verrotte, Rind!“ Na,  gute Nacht.

Schön war auch eine Ausgabe der seriösen Max-Planck-Forschungszeitschrift, die mehrere Beiträge zu China enthielt und daher wohl irgendwie asiatisch aussehen sollte. Die knallroten Schriftzeichen auf dem Titel versprachen „blutjunge Jademädchen, die Dich anmachen“.

Gegenüber den meist völlig unbrauchbaren asiatischen Zeichen in Europa hatte das fröhliche Englisch in Asien den Vorteil, dass es zumindest die Stimmung hebt.

Comments (1)

NitomboFebruary 10th, 2010 at 16:42

Ich liebe dieses Thema!!! Toller Beitrag. Ich habe mir erlaubt in meinem Blog auf diesen Beitrag zu verweisen und einige Anmerkungen zum Thema Tätowierungen und Kampfkunst zu schreiben: http://www.japancutters.de
Ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge in “Tkoyo Total”.
Nitombo

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