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Höfliche Japaner, unhöfliche Japaner

Viele  der dienstbaren Geister in Japan tragen ihre Kunden auf Händen, aber nicht alle. Mein Frisör etwa nimmt kein Blatt vor den Mund. Er betreibt seinen kleinen Laden wenige hundert Meter die Straße herunter. Dieser Coiffeur ist so richtig direkt und ehrlich.

„Was soll das, warum bist du so spät?“, fragte er mich gestern, als ich mir den Termin falsch gemerkt hatte und eine halbe Stunde nach der Zeit kam. Er hatte von der ersten Sekunde an keine Höflichkeitsformen verwendet, sondern mich einfach von Mann zu Mann angeredet – schließlich waren wir ungefähr gleich alt.

Beim Haareschneiden erzählte er mir Sachen wie: „Computerspiele mag ich nicht so, die erscheinen mir wie Zeitverschwendung, aber ich schaue mir pausenlos schmutzige Videos an!“ Das war entweder ein Scherz oder Wunschdenken, vermutete ich. Ito-san war verheiratet und hatte eine dreijährige Tochter. Seine Frau arbeitete auch, und er musste zu Hause kräftig mithelfen und aufpassen, wenn er nicht in seinem Salon stand.

„Europäische Friseure haben es so viel leichter!“, seufzte Ito-san. „Es ist die Kopfform. Westliche Köpfe sind schmal von vorne nach hinten gerundet, was schönere Frisuren ermöglichst.“

„Moment mal, japanische Köpfe sehen oft viel besser gepflegt aus als deutsche!“, sagte ich auf dem Stuhl.
„Ja, aber nur, weil wir japanischen Friseure so viel geschickt sind als deutsche! In Japan werden wir richtig ordentlich ausgebildet, im Westen darf jeder einfach drauflos schneiden.“
Ich machte ausweichende Laute des Verstehens.

Als ich vorige Woche vorbeikam, wies Ito-san mich zurück: „Spinnst du? Dein Haare sind doch noch völlig gut aus. Komm frühestens nächste Woche wieder!“

Meistens ließ ich die Augenbrauen mitmachen. Das kostete nur ein paar Euro mehr und war in Japan völlig üblich. Schräg durcheinander stehende, unterschiedlich lange Augenbrauenhaare trug kaum ein Tokioter Mann am Kopf.

Wer es mit der Körperpflege übertrieb, konnte jedoch auch in Schwierigkeiten geraten. Der Judoverband disqualifizierte eine Mannschaft, weil die Sportler ihre Augenbrauen zu dünn trugen. Das könnte deren Gegner ablenken, behaupteten die Ringrichter.

Auch mein Friseur bediente mich im Kern sehr aufmerksam, aber er übertrieb eben nicht. Anders als meine Steuerberater. Sie bestand jedes Mal auf Neue darauf, mich als Gruppe zum Aufzug zu bringen, obwohl mein Fall ziemlich simpel lag. Ihre Kanzlei befand sich in einem Bürogebäude am Ende eines langen Flures. Den ganzen Weg vom Büro bis zum Aufzug kam nicht nur Yoshida-san mit, der mich betreute, nein, auch sein Vater und dazu noch der ältliche Seniorpartner der Kanzlei begleiteten mich den ganzen Flur entlang.

Drei Japaner in tadellosen weißen Hemden verbeugten sich dann, während die Türen sich von links und rechts schlossen. „Wir haben Ihnen viel Mühe bereitet! Mögen Sie uns bitte geneigt bleiben!“, rief der jüngere Yoshida, die älteren Herren murmelten es mit.  Ich hielt mit eigenen Floskeln dagegen. „Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit! Bitte bleiben Sie mir geneigt! Noch einmal vielen Dank wegen Ihrer kostbaren Zeit“, rief ich schnell durch den Schlitz zwischen den Türhälften.

Drinnen vergaß ich dann vor lauter Höflichkeit, den Knopf fürs Erdgeschoss zu drücken, so dass die Tür zur Verwunderung der Herren nach einigen Sekunden wieder vor ihnen aufging und den Blick auf einen ebenso verdatterten Deutschen freigab.

Auch die Leute aus den Presseabteilungen verabschiedeten mich so. Viele Unternehmen beschäftigten dort auch englische Muttersprachler für den Umgang mit der westlichen Presse. Diese hielten sich jedoch in erster Linie an die örtlichen Sitten. In einer mittelgroßen Bank begleiteten mich ein Brite und eine Amerikanerin den weiten Weg den Flur entlang bis zum Aufzug und verbeugten sich, während die Tür sich schloss – vor mir, einem Deutschen, kein Japaner war weit und breit zu sehen. Das war es, was Japan mit uns machte.

Immerhin benutzten wir noch englische Abschiedsphrasen statt japanischer. Obwohl die eigentlich viel schöner klangen .

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