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Alles in Buddha

Die Tasche eines tibetischen Mönchs - mit Goldenen Schriften und Yak-Käse

Die Tasche eines tibetischen Mönchs – mit Goldenen Schriften und Yak-Käse

Die Reaktion des alten Mönchs war heftig. „Oh nein, Du darfst diese Tasche auf keinen Fall auf den Boden stellen!“, rief er. (Zumindest vermute ich, dass es das war, was er sagte, denn er sprach Tibetisch.) Erschrocken stellten ich die Tasche wieder auf die erhöhte Fläche vor mir im Bus. “Die Tasche enthält Goldene Schriften“, erklärte neben mir ein Tibeter, der auch Chinesisch kann.

Schon auf dem Weg in den tibetischen Ort Xiahe war das meine erste Konfrontation mit der tiefen Religiosität der Menschen hier. Zugleich war es der Beginn einer heftigen Konfrontation mit Yak-Butter in allen möglichen Darreichungsformen. Denn auch die Tasche roch ranzig nach Yak und enthielt (wie ich durch ihre Öffnung erspähte) auch Pakete mit Butter oder Käse. 

Im Bus erschien mir die Sache mit der Tasche dann aller„Wir befürchten, dass die Tasche dem Fahrer beim Bremsen in den Nacken fliegt…“, versuchte mein deutsch-chinesischer Kollege Clemens unser Verhalten zu erklären.

Reisebus von Xining nach Xiahe

Reisebus von Xining nach Xiahe

Dem Mönch war das unverständlich. Er richtete sich im fahrenden Bus halb auf, um das Schicksal seiner Tasche zu überwachen. Ein gewagtes Manöver, denn der etwa neunzehnjährige Busfahrer raste gerade eine gewundene Straße mit Spitzkehren herauf. Erst als er seine Tasche wieder auf einer sauberen Oberfläche wusste, hockte er sich wieder auf seinen Platz auf den Busfußboden zwischen den Sitzreihen.

Der gebildeter Tibeter neben uns erläuterte: „Weil die Tasche Goldene Schriften enthält, darf sie den schmutzigen und profanen Boden nicht berühren.“

Tibet ist eine der Weltgegenden, deren geistiges Leben vom Buddhismus durchdrungen ist. Als Journalist darf ich zwar nicht ohne weiteres in die Autonome Region Tibet vordringen. Meine Reise führt mich jedoch in tibetische Gebiete in anderen chinesischen Provinzen.

Unser Bus ist auf dem Weg von Xining, der Hauptstadt der Provinz Qinghai in den Ort Xiahe, der in der Provinz Gansu liegt. Obwohl diese  Provinzen eigentlich im politisch unkritischen Teil Chinas liegen, dürfen Journalisten oft nicht bis Xiahe einreisen. Ich bin also froh, dass die Polizisten mich bei der Routinekontrolle völlig ignorieren. Der Schaffner muss jedoch eine Strafe dafür zahlen, dass er so viele Fahrgäste auf dem Bocken hat locken lassen. Darunter den Mönch mit der alten Tasche, in der sich die spirituell kostbaren Schriften verbergen.

Buddha aus Butter

Buddha aus Butter

Der alte Mönch mit der Tasche ist in rote Roben gehüllt und trägt einen spitzen, grauen, zerzausten Bart. Er ist auf dem Weg als einer der letzten eingestiegen und hockt auf dem Gang zwischen den Sitzreihen. Für den tibetischen Busschaffner war es selbstverständlich, seine alte Ledertasche auf die Fläche hinter dem Busfahrer – vor unseren Sitzplätzen – zu stellen. Sie stinkt zwar nach Yak-Käse. Aber wenn goldene Schriften drin sind, gebührt ihr Verehrung.

Wir sind erst auf dem Weg in eines der wichtigsten Zentren des tibetischen Buddhismus, und schon fängt die Konfrontation mit einer fremden Welt an. Einer Welt der Sanftmut und Gelehrsamkeit, aber auch der konsequenten Befolgung religiöser Gebote.

Labrang-Kloster in Xiahe

Labrang-Kloster in Xiahe

In Xiahe befindet sich das Labrang-Kloster, in dem 2500 Mönche zusammen leben. Die kleisten von ihnen sind erst im Grundschulalter, die ältesten gehen als ehrwürdige Greise am Stock. Sie alle tragen die gleichen orangefarbenen Roben. Irdische Besitztümer müssten ihnen eigentlich verboten sein, aber alle von ihnen schein ein Smartphone in den Falten der Gewänder zu verbergen, mit dem sie oft telefonieren oder surfen.

Bei Besichtigung des Klosters sind wir vollständig vom Geruch brennender Yak-Butter eingehüllt. Ich weiß erst nicht, ob ich das angenehm finde. Denn vorher haben wir einige Nächte im Grasland bei tibetischen Bauern verbracht. Deren Ernährung scheint hauptsächlich aus verdünnter Ziegenmilch mit ranziger Yak-Butter zu bestehen. Am ersten Tag fand ich das noch „authentisch“, später wurde es etwas mühsam, die Mischung herunterzubekommen.

Yak-Butter-Mahlzeit im Grasland von Gansu

Yak-Butter-Mahlzeit im Grasland von Gansu

Doch das Yak und alles, was damit zusammenhängt, scheint den Tibetern wirklich enorm wichtig zu sein. Das Kloster pflegt sogar die Tradition, Buddha-Bildnisse aus Yak-Butter zu fertigen. Da sie bunt angemalt sind, sieht ihnen der Uneingeweihte ihre fettige Herkunft garnicht an. In der Halle, in der die Mönche ihre Butterkunst ausstellen, riecht es jedoch unverkennbar ranzig.

Die geistige Welt des Buddhismus hüllt einen hier jedoch ebenso ein wie die allgegenwärtigen Wolken von Yak-Aroma.

Der Ort Xiahe besteht aus zwei Teilen. Da ist einerseits die Hauptstraße mit den wichtigsten Hotels, Geschäften und Restaurants. Sie führt direkt auf das Labrang-Kloster zu, das die zweite, größere Hälfte des Ortes ausmacht.

 

Hauptstraße von Xiahe

Hauptstraße von Xiahe

In anderen Teilen Chinas denke ich: „Oh! Wow! Ein tibetischer Mönch!!“, wenn ich eine Gestalt in den typischen roten Roben sehe. Hier in Xiahe komme ich mir vor, als sei ich in den Honigtopf gefallen. Jeder zweite Mann auf der Straße ist ein Mönch. Fast alle sind sehr jung aussehende Männer mit heiterem Gesichtsausdruck.

Die Mönche bieten Klosterführungen auf Chinesisch und Englisch an. Wir sind froh, die englische Variante gewählt zu haben. In der chinesischen Gruppe laufen bestimmt 30 Leute mit. Außer uns sind jedoch nur vier andere Ausländer hier, ein niederländisches und ein französisches Paar. Die Führung fällt dadurch wesentlich persönlicher aus.

Ich bin von Labrang begeistert und völlig geplättet von der Größe und Pracht der Anlage. Obwohl bisher nur drei Viertel von dem wiederaufgebaut sind, was chinesische Fanatiker in der Phase des antireligiösen Kommunismus abgebrannt haben, gehören die Hallen und Buddhastatuen zu den schönsten, die ich je gesehen habe. Und ich lasse selten die örtlichen Tempel aus, wenn ich durch Ostasien reise. Ebenso gut gefallen hat mir vielleicht nur der Eiheiji, ein Zen-Kloster in der Provinz Fukui in Japan.

Dachverzierung im Labrang-Kloster

Dachverzierung im Labrang-Kloster

In der Lehrhalle für tibetische Medizin erhebt sich ein wunderschöner, hoher Bronzebuddha. In einem Seitenraum hocken Mönche und musizieren mit Streich- und Schlaginstrumenten. Nach Auskunft unsers Führers tun sie das den ganzen Tag. Das ist ihre Aufgabe.
In der Nähe der zentralen Gebetshalle gibt es einen kleinen Menschenauflauf an einer Treppe, dann kommt ein etwa zehnjähriger Junge in der Mitte einer Gruppe älterer Mönche mit reichlich Gefolgschaft herunter und geht an uns vorbei. Wir hatten wahnsinnigs Glück. Es handelt sich um die aktuelle Wiedergeburt des Haupt-Lamas dieses Kloster. Wir haben einen wichtigen tibetischen Religionsführer gesehen.

In der Halle selbst sitzen Reihen um Reihen von Möchen, viele hundert von ihnen, und meditieren mit diesen brummenden Lauten, mit denen sie Sutren rezitieren. Dann wird es elf Uhr, und sie essen aus einer Metallschale ihre einzige Mahlzeit des Tages. Der Raum liegt im Halbdunkel. Am Rand brennen Kerzen aus Yak-Butter.

Zwischen den Behausungen der Mönche im Labrang-Kloster

Zwischen den Behausungen der Mönche

Die Mönche leben in Häusern am Rande der Klosteranlage. Sie haben uns nicht hineinschauen lassen, doch sie erzählen, dass es darin pro Raum zwei einfache Betten und einen Schrank gibt. Was mich erstaunt hat: Die Mönche kaufen und verkaufen die Wohnstellen untereinander – und zuletzt sind die Preise stark gestiegen. Die chinesische Immobilienblase erfasst nun anscheinand sogar die offiziell Besitzlosen.

Die Mönche kommen meist schon als Kinder oder Jugendliche ins Kloster. Für tibetische Familien hat es zwei Vorteile, wenn ein Sohn Mönch wird. Sie haben einen Jungen weniger zu versorgen. (Meinem Eindruck nach machen sich die Männer in Tibet nicht allzu nützlich. Die Frauen wirken viel praktischer und tüchtiger.) Und es bringt der Familie gutes Karma, wenn einer der ihren den ganzen Tag rezitiert und meditiert.

Der Alltag der jungen Männer hier besteht nun zu einem großen Teil aus Lernen. Das Labrang-Kloster ist ein bedeutender Ort buddhistischer Gelehrsamkeit. Die Ausbildung zum vollwertigen Ordensmeister dauert 15 Jahre. Die Jungen lernen dabei Tausende von Seiten von Sutren auswendig.

Tibeterin an Gebetsmühlen im Labrang-Kloster

Tibeterin an Gebetsmühlen

Doch die Erziehung besteht nicht nur aus stupidem Auswendiglernen. Die Prüfungen bestehen zum Teil aus Diskussionsveranstaltungen, bei denen ältere Adepten den Novizen auf dem Hauptplatz in schneller Folge theologische Fragen zurufen. Die Prüflinge müssen möglichst schnell und geschickt antworten, um zu bestehen.
Im Unterschied zu christlichen Mönchen arbeiten die buddhistischen Mönche dagegen fast gar nicht. Sie konzentrieren sich auf ihre religiösen Verrichtungen. Das hat seinen Hintergrund in der Lehre: Sie wollen sich schließlich von allen irdischen Bedürfnissen freimachen, um das Leid zu überwinden.

Aus Sicht einiger der geld- und leistungsfixierten Han-Chinesen ist diese Lebensweise dagegen völlig ineffektiv und wirtschaftlich katastrophal nutzlos. Wo bleibt die Steigerung des BIP, wenn ein so großer Teil der Bevökerung sich ausschließlich der Religion hingibt? Andere Chinesen, mit denen wir hier am Rande Tibets sprechen, hegen dagegen größte Bewunderung für den tief empfundenen Buddhismus und kritisieren ihre eigene Kultur: „Das Streben nach immer größer, mehr und weiter macht doch alles kaputt“, sagt ein Pilger aus Hunan.

Solche Chinesen sind hier hoch willkommen, doch das Verhältnis zum Mutterland ist klar gespalten. Jeder Haushalt bestitz hier ein verstecktes Bild vom Dalai Lama, dem spirituellen Oberhaupt aller Tibeter. Peking sieht das nicht gerne, kann jedoch nichts dagegen machen. Die Verbundenheit der Tibeter zu dem verbannten Glaubensführer ist zu groß. In einer der Tempelhallen verehren die Mönche den Dalai Lama in Form des Bodhisattvas der Weisheit. Auch gegen diese Umdeutung sind die Parteikommissare von Xiahe machtlos.

Die Mönche zeigen gegenüber den Machthabern eine aufmüpfige Haltung. Erst vor drei Wochen ist ein junger Mönch von hier nach Lhasa gefahren und hat sich dort vor dem Hauptkloster mit Benzin übergossen und angezündet, um gegen die Besetzung seines Heimatlandes zu protestieren. Viele der Glaubendsbrüder hier kannten ihn.

Ein Besuch in einer tibetischen Stadt, selbst hier am Rande Tibets, ist nie nur ein Touristentrip und nie nur Konfrontation mit Religion. Es ist immer auch eine politische Reise.

Comments (2)

FZJuly 5th, 2012 at 21:10

“Und es bringt der Familie gutes Karma, wenn einer der ihren den ganzen Tag rezitiert und meditiert.”
Das klingt aber interessant!

nintendo ds GiftFebruary 25th, 2015 at 10:10

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