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Null Uhr fünf in Urumtschi

Als Knabe habe ich das Buch “Großer Tiger und Christian” von Fritz Mühlenweg verschlungen. Darin verschlägt es zwei Jungen von Peking nach “Chinesisch-Turkestan”. So hieß das Gebiet der Autonomen Region Xinjiang damals auf Deutsch.  Das heutige, reale Urumqi hat zwar nur wenig mit der Stadt aus dem Jugendbuch zu tun. Doch Xinjiang steht heute für viele der Chancen und Probleme Chinas. Boom-Blog sieht sich vor Ort um.

Als Fritz Mühlenweg in den 20er-Jahren die Mongolei und das Gebiet des heutigen Xinjiang bereist hat, lag hier eine eigene Welt. Er schrieb:

Wer nach Zentralasien geht, muss die gewohnten Maßstäbe ablegen. Er sollte das Land betreten wie am ersten Schöpfungstag, als ob er keine Erfahrungen habe, die Menschen nicht kenne, und nicht einmal die Natur. Das Umlernen im Denken erfordert nicht nur Anpassungsfähigkeit. Dazu ist die Bereitschaft des Herzens notwendig.

Moschee in UrumqiSein Buch handelt von diesem Umdenken. Sowohl die chinesischen Hauptfigur als auch die deutsche Hauptfigur müssen sich umstellen: auf einen langsameren, menschlicheren Umgang miteinander, auf andere Rhythmen, auf den Einfluss des Islam.

Denn hier in Xinjiang mischen sich die Kulturen. Es liegt im äußersten Westen der Volksrepublik, von Peking aus gesehen schon wieder auf halbem Weg nach Europa. Ich bin heute viereinhalb Stunden lang geflogen, um herzukommen.

Linienplan an einer Bushaltestelle in Urumqi - auf Chinesisch und Uighurisch

Linienplan an einer Bushaltestelle in Urumqi - auf Chinesisch und Uighurisch

Auf den ersten Blick sieht Urumqi genau aus wie jede andere chinesische Stadt. Dann fallen die zweisprachigen Beschriftungen  auf: In chinesischen Schriftzeichen und in der persisch-arabischen Schrift der Uighuren.

Straßenstand in UrumqiNach und nach stellt sich dann der Blick auf die ethnischen Uighuren scharf, die im Straßenbild vielerorts die Minderheit bilden. Sie sehen mehr aus wie Türken als wie Chinesen.

Schließlich entdeckt der Besucher die vielen Moscheen, Basare und alten Sehenswürdigen, die Urumqi als Stadt aus dem türkisch-zentralsiatischen Kulturkreis ausweisen.

Urumqi ist fast 2000 Kilometer von der chinesischen Küste mit ihren bommenden Wirtschaftszentren entfernt. Sie befindet sich praktisch genau in der Mitte der eurasischen Landmasse (dafür gibt es in der Stadt sogar ein Monument).

Für die Einwohner der Gegend ist es sicherlich gut, dass sie angesichts dieser geographischen Verhältnisse nicht von der Welt abgeschnitten sind.

In Urumqi finden sich (fast) die gleichen Ladenketten und die gleiche Hochhausarchitektur wie im übrigen China. Das Wirtschaftswachstum der rohstoffreichen Region ist hoch und liegt über zehn Prozent. Von dem bitterarmen Leben in Jurten, die Fritz Mühlenweg seinerzeit beschrieben hat, ist nichts mehr zu sehen. Dafür sind die Straßen von den gleichen guten Mittelklassewagen dominiert wie anderswo in China.

Doch es gibt auch zahlreiche Anzeichen dafür, dass die Gegend eben doch nicht zu Kernchina gehört. Es gilt Pekinger Zeit, doch die astronomische Zeit ist rund drei Stunden verschoben. Jetzt um 18 Uhr steht die Sonne noch hoch am Himmel. Wenn die Leute morgens zur Arbeit gehen, ist es noch Dunkel. In der Stadt ist eine erhebliche Sicherheitspräsenz zu merken, die mit Spannungen zwischen den Uighuren und den zugesiedelten Han-Chinesen zu tun hat.

In Xinjiang findet sich vielleicht die extremste Ausprägung der Spaltung zwischen den weniger entwickelten Westregionen und den Küstenregionen Chinas. Während an der Küste das Hochwachstum schon ausgereizt ist, kommt die Konjunktur hier erst richtig in Gang. Wir können gespannt sein, ob sich daraus eine neue Phase des chinesischen Wirtschaftswunders entwickelt.

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