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Die Foxconn-Lüge

Als im Januar Agenturmeldungen über angeblich sensationelle Aufdeckungen des amerikanischen Radioreporters Mike Daisey beim Apple-Zulieferer Foxconn liefen, wunderte ich mich. Denn ich hatte die fragliche Fabrik kurz zuvor recherchiert. Die Arbeiter erzählten mir von keinen größeren Problemen – sie klagten bloß über ihren  straff organisierten Arbeitsalltag, aber der gehört in der Industrie einfach dazu.

Daisey berichtete dagegen von Kinderarbeit, Explosionen und giftigen Dämpfen. Jetzt ist herausgekommen: Das war alles erfunden.

Naja, alles war zwar nicht erfunden, aber Daisey hat ganz schön seine Phantasie spielen lassen, wie seine Übersetzerin bestätigt.

Folgenden Text habe ich damals in Longhua spontan aufgeschrieben. Mein Rechercheergebnis war: Foxconn ist gar keine schlechte Firma.

 

Clockwork Foxconn

Der weltgrößte Elektrohersteller ist unter Managern für seine gute Organisation bewundert, Arbeitsschützer werfen ihm dagegen Militärmethoden vor. Eine Innenansicht

Finn Mayer-Kuckuk Shenzhen

Chinas Wirtschaftswunder spielt jeden Nachmittag exakt 40 Minuten lang Karten. Kurz nach fünf Uhr nachmittags strömen tausende von jungen Männern in dunkelblauen Polohemden aus dem Westtor der größten Elektrofabrik der Welt. Auf einer Brachfläche steht hier ein Dutzend Getränkestände umgeben von Inseln niedriger Tische. Die Arbeiter kaufen sich Cola, hocken sich hin und ziehen die Spielkarten hervor. Bald liegt ein Geruch von bitterem Tabak über dem Feld aus fettgestampftem Schutt – fast alle rauchen die billigste Sorte.

Nur drei Männer hier haben weiße statt blaube Polohemden an – sie wirken damit wie ein helles Auge in der Masse aus Dunkelblau. Einer von ihnen ist Zhao Xiang, 35 Jahre alt, Hilfsmanager in der Logistikabteilung. „Um zehn vor sechs Uhr wird der Platz hier wieder komplett leer sein“, prophezeit er. „Bei uns greift alles exakt ineinander, Schlamperei duldet Foxconn nicht.“

Wir befinden uns am Standort Shenzhen-Longhua des Elektro-Auftragsherstellers Foxconn, dem wahren Hersteller hinter vielen Produkten von  Apple, Sony oder HP. So raffiniert die Erzugnisse sind, so gigantisch ist die Organisation: Foxconn ist mit einer knappen Million Mitarbeitern das zweitgrößte Privatunternehmen der Welt nach dem US-Einzelhändler Walmart. Alles an dem Unternehmen ist straff organisiert: Der Alltag in den Fabrikstädten, die Logistik, das Management. Von einem „militärischen Führungsmodell“ spricht Pun Ngai, Professorin für Arbeitsorganisation an der Polytechnischen Hochschule Hongkong. Das Problem sei, dass Menschlichkeit und Wärme dabei auf der Strecke bleiben. Doch eines stehe außer Zweifel: Die Effizienz und der ökonomische Erfolg des Foxconn-Geschäftsmodells.

 Die jungen Arbeiter, die vor der Fabrikmauer Karten spielen, stellen in den weißen Hallen auf dem Gelände die bekanntesten Markenprodukte der Welt her. Sie stecken das iPad von Apple zusammen, die Playstation von Sony, Drucker von HP, Handys von Nokia, die Spielkonsole DS von Nintendo. Allein in diesem Werk arbeiten 250 000 Menschen. Foxconns Arbeiter-Heer versorgt die gesamte Welt mit bezahlbarer Technik – und ihre Firma verdient prächtig daran. Der Umsatz hat 2010 die Marke von 70 Milliarden Euro überschritten und liegt damit auf dem Niveau von Siemens. Die Zahl der Mitarbeiter entspricht der von Siemens, VW und Daimler zusammen.

Wer nach dem Geheimnis des enormen Erfolgs von Foxconn forscht, findet am Ende der Kette zwei ausschlaggebende Faktoren: Das enorme Organisationstalent des Firmengründers Terry Gou, einem heute 60-jährigen Multimilliardär, und der praktisch unbegrenzt verfügbaren Arbeitskraft auf dem chinesischen Festland. Gou hat es geschafft, den Aufstiegswillen einer ganzen Armee  chinesischer Bauernsöhnen in präzise Produktion zu kanalisieren.

Trotz hoher Fluktuation unter den Arbeitern gilt die Qualität der Waren als erstklassig. In der Elektronikbranche geben aber noch andere Faktoren den Ausschlag. So bleiben technische Geheimnisse stets gewahrt. Die Lieferung erfolg immer pünktlich. Egal, was für ein modernes und kompliziertes Technikspielzeug sich die Ingenieure in Amerika, Japan oder Europa ausgedacht haben: Die Taiwanesen können mit minimaler Anlaufzeit in die Massenproduktion einsteigen.

Industriemanager in ganz Asien fragen sich angesichts des Foxconn-Erfolgs neidisch: Wie machen die das? Ein Teil der Antwort findet sich hinter der rund zehn Kilometer langen Mauer um den Standort Shenzhen-Longhua, dem Flaggschiff der Foxconn-Fabriken. Dort drängen sich auf fünf Millionen Quadratmetern Fabrikhallen, Wohnheime, Speisesäle und Verwaltungsgebäude dicht an dicht. „Unsere Manager führen die Mitarbeiter so streng wie die chinesische Zentralregierung das ganze Land“, versucht sich Logistiker Zhao an einem Vergleich. Die Spezialisation sei enorm hoch – bis zur Ebene des Abteilungsleiter habe jeder einen besonders eng umgrenzten Aufgabenbereich und wisse immer genau, was zu tun sei. „Ich bin stolz darauf, für eine Firma wie Foxconn arbeiten zu können“, sagt Zhao. Es sei jedoch manchmal nötig, unerfahrene Neulinge auch zu „disziplinieren“. Wer aus dem Takt komme, gefährde schließlich die reibungslose Produktion.

Foxconn steht wegen seiner rigiden Methoden jedoch auch in der Kritik. „Um dermaßen viele Menschen zu managen, bleibt keine andere Wahl als strenge Behandlung“, sagt Betriebswirtschafts-Professorin Pun Ngai. „Aber je strenger man die jungen Leute behandelt, desto mehr wehren sie sich gegen das Management.“ Die „Menschenführung mit der Peitsche“ führe dazu, dass sich viele der einfachen Arbeiter sich nicht mit dem Unternehmen identifizieren – die Loyalität sei sehr gering. Das zeigt sich bereits in der hohen Fluktuation: Kaum einer der jungen Arbeiter bleibt länger als vier Monate. „Meiner Ansicht nach sollte eine so große Fabrik gar nicht existieren.“

An den einfachen Arbeitern rund um das Fabrikgelände in Longhua fällt dementsprechend auch zunächst ihre Uniformität auf, wozu nicht nur die identische Kleidung beiträgt. Fast alle sind um die 20 Jahre alt, wirken mit ihren frischen Gesichtern und absichtlich struwweligen Haaren noch wie Teenager. Sie hocken beim Kartenspielen in der gleichen Körperhaltung beieinander, einige legen den Arm um die Schultern von befreundeten Kollegen.

Einer von ihnen ist Jiang Wei aus der Provinz Henan, der seit einem Jahr dabei ist. Der 22-Jährige wollte unbedingt zu Foxconn, als er sich von seinem Bauerndorf in die südchinesische Industrieregion aufgemacht hat. Er hatte von Heimkehrern viel Gutes gehört, und kann bestätigen: „Die Arbeit ist nicht wirklich schwer, nur etwas monoton.“ Er arbeitet in Schichten von 12 Stunden mit zweimal einer Stunde Pause am Tag. Ergebnis ist eine 60-Stunden-Woche mit einem Stundenlohn von etwas über einem Euro. Jiang erhält am dem Zehnten jedes Monats umgerechnet 250 Euro in einer Lohntüte ausgehändigt. „Das finde ich völlig anständig“, sagt Jiang. Auf dem Dorf hätte er nur einen Bruchteil verdient. So aber könne er seine Eltern und seine kleine Schwester großzügig unterstützen, sagt der Arbeiter im dunkelblauen Polohemd

Doch was Jiang schon wie ein Traumlohn vorkommt, ermöglicht dem Markenherstellern Apple seine phantastische Marge von dreißig Prozent. Die Herstellung eines iPads kostet den kalifornischen Anbieter nach Brancheninformationen weniger als 150 Euro, doch im Laden verkauft das Unternehmen die Geräte für rund 500 Euro.

Für die niedrigen Kosten bei Apple verzichtet Foxconn seinerseits auf Gewinn. Die eigene operative Profitmarge liegt lediglich um vier Prozent. Doch die knappe Kalklulation hat bei dem Unternehmen Tradition, seit Gou es 1974 mit rund 5000 Euro Startkapital gegründet hat. Anfangs hat Hon Hai Precision Industry, so der offizielle Name der Dachgesellschaft, einfache Plastikgegenstände hergestellt, später erste Zulieferteile für Spielkonsolen des US-Herstellers Atari. Schon damals war es der superniedrige Preis, der für die frühen Kunden den Ausschlag für die Bestellung gab.

Gou gilt als Genauigkeitsfanatiker. Die Vorarbeiter und Manager im Werk Shenzhen gelten als harte Chefs, doch selbst in der Firmenzentrale in Taibei herrscht nicht nur Freundlichkeit. Das gilt auch für die hochbezahlte Führungsebene. Ein Vorstandsmitglied musste Berichten von Mitarbeitern zufolge auf einer Sitzung zehn Minuten zur Strafe stehen, weil er nicht genug Details aus seinem Aufgabenberich parat hatte und auf Gous pointiert abgeschossenen Fragen keine Antwort wusste. Überall auf der Welt wäre das demütigend, doch in China bedeutet es noch etwas schlimmeres: einen Gesichtsverlust. Doch der Mann ist dabei geblieben. So einen aufregenden und dynamischen Arbeitgeber wie Foxconn findet sich nicht so schnell noch einmal.

Der straffe Führungsstil reicht von der Spitze bis zum Teamleiter am Fließband. Der „Mangel an Wärme“ galt in den Medien auch sofort auch Ursache einer Serie von 16 Selbstmorden in den vergangenen zwei Jahren. Statistisch gesehen stand das Unternehmen jedoch zu Unrecht am Pranger: Die Selbstmordrate in der Fabrikstadt von Shenzhen liegt lediglich bei der Hälfte des Durchschnitts in der chinesischen Bevölkerung.

Die Unternehmensleitung hat trotzdem nach den Selbstmorden die Löhne kräftig angehoben, um eine Imagekatastrophe für den größten Geschäftspartner Apple abzuwenden – damals stand sofort der Vorwurf im Raum, der iPhone-Erfinder lasse in Ausbeuterhöhlen produzieren. „Wir sind der Selbstmordserie für die Gehaltserhöhung ziemlich dankbar“, sagt Arbeiter Jiang heute nüchtern – und aus seinem Mund klingt das nicht einmal zynisch. „Ich bekomme fast doppelt so viel wie mein Cousin, der vor drei Jahren hier gearbeitet hat.“

Die Arbeiter hier am Westtor sehen die Ursache in den persönlichen Umständen der Selbstmordopfer. „Umgebracht haben sich fast nur studierte Kollegen, die am Fließband arbeiten mussten, weil sie keinen besseren Job gefunden haben“, mutmaßt Jiang. Sie hätten sich fehl am Platz gefühlt und keine Freunde gefunden. „Wir Jungs direkt vom Lande sind da robuster“, gibt der 22-Jährige an. Tatsächlich wirkt diese Gruppe alles anderes als suizidal. Die Kumpels schlendern nach dem Kartenspiel raufend und scherzend wieder zum Fariktor zurück.

Bei der Einstellung von Nachwuchs achtet Foxconn jetzt jedoh besonders auf psychische Stabilität der Bewerber. Für die Personalabteilung ist das nicht ganz einfach, denn das Unternehmen stellt derzeit allein in Shenzhen pro Tag zwischen 1000 und 2000 neue Leute an – das dient der Vorbereitung auf einen Produktionsschub im Herbst.

Und so wächst die Mitarbeiterzahl des Unternehmens immer weiter. Erst vorige Woche hat das Unternehmen in Brasilien ein neues iPad-Werk eröffnet, Produktionsbeginn soll im November sein. Trotz der Dauerkrise des Westens will Gou auf diese Weise schon bald 1,3 Millionen Arbeiter beschäftigen, schließlich steigt die Elektro-Nachfrage aus erfolgreichen Schwellenländern wie China und Indien unaufhörlich. Sein Heer ist damit nur noch wenig kleiner als die US-Army.

Doch Gou zeigt sich in seinem Geschäftsmodell auch flexibel. Jetzt, wo in China die Preise steigen, will er stärker automatisieren. Vor allem die japanischen Maschinenbauer freuen sich über seine Ankündigung, verstärkt Roboterarme einzusetzen. Wie immer bei Foxconn ist das Volumen gigantisch. In der ersten Runde will Gou eine Million Einheiten bestellen lassen.

Im Hochlohnland USA will Gou sogar noch weiter gehen. Für die Produktion im Kernland der iPad-Konsumenten plant er eine voll automatisierte Fabrik ganz ohne Fließbandarbeiter. Aus Sicht der militärisch eingestellten Schichtleiter hätte das den Vorteil, dass endlich alle genau so gehorchen wie geplant – und nicht wie die chinesischen Bauernjungen doch noch trödeln, wenn sie vom Kartenspielen ans Band zurückkehren.

Comments (2)

F. MairApril 7th, 2012 at 15:21

Vielen Dank für die Informationen!
So stelle ich mir seriösen, unabhängigen Journalismus vor!!
LG Flo Mair
aus Österreich

ZappiApril 7th, 2012 at 21:29

Sehr überzeugender Bericht, gerne wieder!

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