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Ein Jahr nach dem Tsunami

Als im März 2011 vor Nordostjapan die Erde bebte und eine gewaltige Flutwelle an der gesamten Küste der Region Tôhoku die Häuser und Straßen wegspülte, befand ich mich in der chinesischen Küstenstadt Qingdao. Zusammen mit der Redaktion beschloss ich, so schnell wie möglich nach Japan zu fliegen, um von dort berichten zu können.
Das Buch Tokio Total
Meine Eindrücke habe ich auch hier im Blog festgehalten, sie finden sich per Klick auf Tags wie “Fukushima” oder “Tsunami“.

Mein Buch “Tokio Total” war vor der Katastrophe bereits über ein Jahr auf dem Markt – weshalb in Kürze auch eine stellenweise geänderte Neuauflage erscheint, die auf die Ereignisse seit dem Erdbeben eingeht.

Japan hat sich verändert. Es fängt natürlich mit der Energiepolitik an: Ab Frühjar sind in Japan nur noch zwei von 54 Kernkraftwerken am Netz. Die anderen sind für Inspektionen und Sicherheitssimulationen abgeschaltet. Wegen der Gefahr von Stromausfällen verschwenden Wirtschaft und Verbraucher in Japan bei weitem nicht mehr so viel Energie wie vorher. Die Leute haben sich mit damit arrangiert, dass die Versorger reihum den Saft abdrehen. Das hell glitzernde Tokio, das ich beschrieben habe, wirkt heute wesentlich dunkler.

Seit bekannt ist, wie wenig die Reaktoren gegen absehbare Naturkatastrophen gesichert war, stehen auch Zweifel an den Fähigkeiten der Japaner im Raum: Ist diese Gesellschaft überhaupt in der Lage, die Zukunft zu meistern? Und wie konnte das überhaupt passieren, in einem Land der Sicherheitsfanatiker?

Hier tun sich – mal wieder! – gewaltige (wenn auch nur scheinbare) Widersprüche auf. Die Kultur des Landes ist auf den Umgang mit Naturkatastrophen eingerichtet, doch ein Kraftwerksunfall war nicht auf dem Programm. Ich würde umgekehrt  sogar so weit gehen und sagen, dass einige ganz japanische Eigenschaften waren, die zu dem Desaster geführt haben.

Ja, die Japaner sind Sicherheitsfanatiker, die an manchem Geländer noch zusätzlich einen Warnlautsprecher anbringen. Doch sie lassen ein Atomkraftwerk von 1971 einfach so an einer Tsunami-Küste stehen und reden sich ein, es sei sicher. (Wenn einer in ein Krankenhaus kommt, und sämtliche Anlagen wären aus den 70er-Jahren, würde er das ja auch ziemlich unheimlich finden.)

Doch Japaner sind mühelos in der Lage, zwei widersprüchliche Gedanken gleichzeitig zu denken. Und sie sind geübt darin, unbequeme Wahrheiten zu ignorieren. Auch wenn ein kompletter Elefant im Speisezimmer stände – es würde wahrscheinlich keiner drüber reden, weil es sich einfach nicht gehört.

Meine eigene Einstellung zu Japan ist ebenfalls komplizierter geworden. Anfang Mai 2011 reiste ich in meiner Aufgabe als Wirtschaftsjournalist quer durch die Präfektur Fukushima, um mir die Auswirkungen er Katastrophe auf die Wirtschaft anzusehen. Der Atommeiler brodelte da noch ziemlich. Die Lage war daher ziemlich angespannt.

In der Nähe der Stadt Sôma sprach ich am Rand der Straße einen Mann an, der sich als Bio-Bauer herausstellte. (Kein Zufall. Ich war mit meinem Mietwagen in einer Gegend herumgekreuzt, in der mehrere Ökohöfe liegen.) Es war keine der angenehmen Begegnungen, wie ich sie sonst mit der an sich sehr heiteren japanischen Landbevölkerung hatte. Der Mann war wütend auf die ganze Welt, und ich jünger Journalisten-Schnösel aus der Großstadt und überhaupt aus dem Ausland lief ihm definitiv im falschen Moment seines Lebens über den Weg.

Trotzdem hat mir diese Katastrophe noch einmal die Stärke der japanischen Kultur gezeigt. Ein befreundeter Japanberater hat mich auf folgenden Vergleich aufmerksam gemacht: Als in Amerika der Hurrikan Katrina die Stadt New Orleans traf, mussten Militär und Nationalgarde auf Bürger schießen, um Plünderungen zu verhindern. Polizisten verließen ihren Posten, um vor den Fluten zu fliehen. Es herrschte so etwas wie militärischer Ausnahmezustand.

Nichts dergleichen in Japan. Selbst an den schlimmsten Orten, zu den schlimmsten Zeiten hielten die Bürger die gute Ordnung aufrecht. In den zerstörten Städten ist praktisch nichts aus verlassenen Häusern und Läden weggekommen. Selbst als eine atomare Wolke auf die Megametropole Tokio zuwaberte und radioaktive Elemente im Leitungswasser auftauchten, ist keiner geflohen.

Viele dachten zwar an Flucht – das ist menschlich. Fast alle Bürger von Tokio hatten große Angst. Aber die Leute sind geblieben. Sie haben freiwillig auf Hamsterkäufe verzichtet, weil nur so die Versorgung aller klappen konnte. In China, weit weg von jeder realistischen Gefahre, haben die Leute bereits Wasserflaschen gehortet und Lager an Kochsalz angelegt, weil das einem Internetgerücht zufolge gegen Strahlen helfen sollte.

Die Disziplin der Japaner hat jedoch nicht nur schöne Seiten. Die Großunternehmen haben streng darauf bestanden, dass alle Mitarbeiter zur Arbeit kommen. Ich habe die hochschwangere Frau eines guten Freundes zum Flughafen Osaka begleitet, damit sie sich im Ausland in Sicherheit bringen kann. Der Arbeitgeber ihres Gatten hat ihm dafür nicht freigegeben. Denn wenn einer der Konzerne angefangen hätte, für seine Leute Ausnahmen zuzulassen, wäre das Wirtschaftsleben in einer Kettenreaktion zum Stillstand gekommen. „Sony gibt Mitarbeitern Strahlenfrei!“, hätte die Presse titeln können, und das hätte vielleicht doch noch Panik ausgelöst.

Tokio lag zu dieser Zeit abends im Wesentlichen im Dunkeln – und tut es immer noch. Die Kultur der totalen Klimatisierung ist wegen Energiemangel vorerst vorbei. Die Hinweisschilder in der U-Bahn sind nicht mehr von hinten erleuchtet, in den Gängen brennt nur jede zweite Lampe. Die Getränkeautomaten stehen wie tot da, weil ihre Werbedisplays vorne aus sind. (Sie verkaufen trotzdem grünen Tee wahlweise heiß oder kalt. Japan spart vielleicht jetzt Strom, aber alles hat seine Grenzen.)

Bei Freunden in Atami bleibt der Strom gleich ganz weg, während ich sie auf meinen Rundreisen durch das verletzte Land besuchte. Atami hatte Licht, aber der Bahnhofsvorplatz lag in kompletter Dunkelheit. Dass sich dahinter eine Stadt erhebt, war nicht zu erkennen. Das vorderste Taxi in der Schlange hatte den Motor laufen und Licht an, also fand ich zumindest ein Transportmittel, das mich zum Haus meiner Freunde brachte. Der Fahrer schlich sich langsam vom Bahnhofsvorplatz weg. „Es gibt jetzt auch mehr Unfälle, die Leute sind das nicht gewöhnt“, erklärte er. „Und selbst ich als Taxifahrer muss genau hingucken, um mich zurechtzufinden. Die Ecken sehen alle anders aus. Und Fußgänger sind so ganz ohne Straßenbeleuchtung schwer zu erkennen.“

Auf halbem Weg gingen plötzlich die Lichter an. Wir fuhren gerade am Hang entlang. Plötzlich trat unten an der Küste die Stadt aus dem dunklen Nichts hervor. Vor uns blinkten die Leuchtstoffröhren der Straßenbeleuchtung auf.

„Du kommst gerade recht. Wir können zusammen Strom benutzen!“, begrüßten mich meine Gastgeber. Selbstverständliches wird plötzlich wieder kostbar.

Am Samstagabend darauf traf ich in Tokio Kenji, meinen alten Freund. Er trug tatsächlich die allseits beliebte Atemmaske. „Heuschnupfen?“, fragte ich. „Falls was in der Luft ist, will ich es nicht einatmen“, gab er seine Atomangst zu. Ich nickte, obwohl mir eine dünne chirurgische Maske zum Strahlschutz etwas dürftig erschien.

Etwas später spricht er dann darüber, wie er sich wirklich fühlt. „Es ist echt unheimlich.“ Zusammen mit den Bildern von den Opfern der Tsunami-Katastrophe hat sich ein beklemmendes Gefühl festgesetzt, das wohl erst einmal bleibt. „Als die ersten Bilder im Fernsehen liefen, habe ich geweint“, gibt Kenji zu.

In der Region Tôhoku spielten die regionalen Radiosender derweil immer wieder das gleiche traurige Lied: „Mit erhobenem Kopf laufen“.

(Im Westen ist es unter dem Nonsense-Titel „Sukiyaki“ bekannt – eigentlich bezeichnet das Wort ein Fleischgericht.)

Auch der Radiosender Fukushima FM spielt das Lied derzeit oft. Für die Japaner drückt es ihre Stimmung nach der Katastrophe aus, denn es handelt von einem Mann, der seine Trauer nicht zeigt und tapfer weitermacht. „Beim Gehen halte ich den Kopf hoch, so dass mir die Tränen nicht herunterlaufen. In dieser unendlich einsamen Nacht denke ich Frühlingstage“, so geht der Text los.

Hier also meine Bitte: Bleibt Japan treu! Fahrt hin! Investiert dort! Kauft japanische Produkte!

Comments (2)

YviApril 14th, 2012 at 15:26

Hallo!
Ich habe eben Ihr Buch gelesen und bin sehr begeistert! Natürlich musste ich sofort diese Seite hier besuchen und es hat sich gelohnt, ich habe mir einige Artikel durchgelesen und werde Sie weiterhin verfolgen :)

Liebe Grüße aus Deutschland
Yvonne

FinnApril 29th, 2012 at 20:58

Hallo Yvi, es freut mich, dass Sie das Buch mochten! Finn

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