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Hauptsache Foto

Die Große Halle des Volkes von innen - kurz, bevor der NHK losgehtSoeben hat der Nationale Volkskongress begonnen. Dabei handelt es sich um so etwas wie das Parlament Chinas. Die Abgeordneten kommen zwar alle von der gleichen Partei und sind auch nicht vom ganzen Volk gewählt (sondern nur parteiintern), aber sie können bei der Gesetzgebung durchaus mitreden.

Weil die Gesetzesvorlagen  vorher sorgfältig mit sämtlichen Beteiligten koordiniert sind, fallen die Abstimmungsergebnisse meist ziemlich einstimmig aus. Das zeigt jedoch eher, wie viel Respekt die oberste Führung in Peking vor den Delegierten aus allen Landesteilen hat. Selbst die Grundsatzrede von Premier Wen Jiabao ist ein Wunderwerk politischer Konsensfindung. Seit Monaten schreiben daran Gremien der Regierung und der Partei mit.  Um so mehr wundert mich die Respektlosigkeit einiger Zuhörer.

Auch wenn das Interesse abgenommen hat: Der Volkskongress ist in China eine Riesensache. Er tagt nur einmal im Jahr, dafür aber mit 3000 Delegierten. Die Propagandamaschine hat ihn seit 1950 immer als wichtiges Ereignis verkauft. Eine feierliche Stimmung liegt über der Halle, wenn jedes Jahr die gleichen Rituale losgehen. Die Hymne. Die Verbeugung Wens vor den Delegierten und der Parteiführung.

Ich hoffe, der Premier bekommt nicht mit, was oben auf dem höchsten Rang so los ist. Dort befinden sich neben uns Journalisten auch “Mitarbeiter des Volkskongresses”. Neben mir saßen zwei ältere Kerle in Trachtenkostümen. Der NVK schmückt sich gerne mit Angehörigen der ethnischen Minderheiten, die in Kostümen auftreten. Das signlisiert Toleranz im Vielvölkerstaat.

Das Hauptziel der beiden Trachtenträger ist es nun, Fotos mich sich und der Halle zu ergattern. Möglichst mit Premier Wen, der drei Stockwerke tiefer seine Rede hält. Deshalb stehen sie abwechselnd auf fotografieren sich mit einer fetten Kamera (extra hierfür angeschafft?) auf Vollautomatik mit Blitz in Richtung Saal. Während Wen spricht.

Regelmäßig kommen Saaldiener vorbei und ermahnen die beiden Männer. “Ich hab meiner Tochter Fotos versprochen!”, verteidigt der eine sich. Als der Saaldiener weg ist, versucht er sich an einer Absperrung vorbei in die erste Reihe dieser Empore zu drängeln. Zwei Sicherheitsleute mit Knopf im Ohr stürzen sich fast auf ihn und bugsieren ihn zu seinem Platz zurück. Sie mahnen, er motzt. Und steht gleich darauf wieder auf, für einen neuen Fotoversuch mit seinem Kumpel.

Immerhin. Ein gehorsamer Polizeistaat mit Grabesruhe sieht anders aus. Und geht mit Chinesen vermutlich gar nicht.

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