Google+ Peking Total » Blog Archive » Der Buddha-Playboy

Der Buddha-Playboy

Derzeit suche ich in Peking neue Räume für das örtliche Büro meiner Zeitung. Ich möchte dabei eine Bürogemeinschaft mit einem Kollegen vom schwedischen Radio gründen. Wir suchen unsere neue Bleibe gemeinsam.

Das Büro, das uns jetzt ausgesucht haben, nutzt derzeit noch ein Vormieter. Diesen hatte uns der Immobilienmakler wie folgt beschrieben:

“Der Besitzer der Einheit sucht dringend nach einem anderen Mieter, weil der derzeitige Nutzer die Zimmer völlig verraucht. Er hört dort ständig laute Musik und trifft sich mit vielen Freunden.”

David und ich stellten uns einen Playboy vor, der die ganze Nacht Party macht und sich mit seinen Kumpels und leichten Frauen in den Büroräumen vergnügt. Danach zieht er  in die Bars der Umgebung. In der Mitte des Vorraums stand vermutlich ein riesiges Sofa mit goldenen Bezügen, darum herum überquellende Aschenbecher und schmutzige Sektgläser.

Die Wahrheit hätte nicht unterschiedlicher sein können.

Bei der Besichtigung der Räume begrüßte uns ein feiner Herr im fortgeschrittenen Alter mit dünnrandiger Brille und Seitenscheitel. Es handelte sich zu unserer Überraschung um den berüchtigten Vormieter. Er war gerade dabei, sich in einer kleinen Zeremonie grünen Tee zuzubereiten, den er in winzige Porzellanschälchen füllte.

Die Luft war tatsächlich von Rauch geschwängert, denn es brannten  Räucherstäbchen, die den Duft ostasiatischer Tempel verströmten. An den Wänden standen Bücherregale  aus dunklem, alten Holz, darauf Buddhastatuen, Weisheitsschriften und Fotografien von Treffen verschiedener Priester in organgefarbenen Roben.

Es gab auch eine Ecke, in die sich der Vormieter wohl manchmal mit seinen Freunden hockt: Ausgelegt mit Matten für die gemeinsame Meditation.

Und – genau wie beschrieben – lief Musik. Aber nicht Lady Gaga, sondern Sutrengesänge.

Der Herr ist Repräsentant einer buddhistischen Vereinigung, deren Zentraltempel im südchinesischen Guangzhou liegt. Der Vormieter schmeißt ihn heraus, weil er die kürzlich erhöhte Miete nicht zahlen kann.

David und ich haben beide einen Hintergrund in der Sinologie. Wir unterhielten uns mit dem Buddhisten über die Patriarchen seiner Schule, über Wege zur Erleuchtung und über die Unterschiede zwischen dam Nazi-Hakenkreuz und der buddhistischen Swastika – sie sind seiteverkehrt.

Nach Tee und Plauderei hatten wir fast ein schlechtes Gewissen, ihn aus seinen Räumen zu vertreiben. “Hoffentlich bringt das kein schlechtes Karma”, sagten wir uns. Doch dann versicherten wir uns, dass uns der sanfte Buddhist sicher verzeihen werde. Schließlich brauchen wir dringend Büros.

Comments (1)

AnonymousFebruary 19th, 2012 at 13:57

:)

Los, schreib' einen Kommentar!

Dein Kommentar