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Kneipenschneelball

Hier trifft man sich: Ausgehviertel Sanlitun.Erst saß ich nur mit Wang Zangpu beim Bier, dann kamen noch ein Fräulein Xu und ein Fräulein Meng dazu, schließlich noch ein junger Mann namens Lin. Ab da wurde es unübersichtlich, was die Namen anging. Denn jetzt setzte der soziale Schneeballeffekt ein.

Ausgehen mit Chinesen bedeutet fast immer, dass laufend Leute zu der Gruppe dazukommen. Wenn beispielsweise bekannt wird, dass ein Mitglied der Runde Junggeselle ist, dann gehen sofort SMS an unverheiratete Freundinnen, Schwip-Cousinen und Kolleginnen heraus, die sich wenig später dazugesellen. Doch die Leute kommen auch ohne besonderen Bezug laufend dazu.

Wenn es also irgendwo lustig ist, dann laden die Chinesen Leute dazu. Umgekehrt warten sie darauf, dass sich irgendwo nette Leute sammeln, um dann dazuzustoßen. Erst dann kommt Stimmung auf.

Ich nenne das den Chinesen-Schneeballeffekt. Der Abend fängt mit wenigen Freunden an, und im Laufe der Zeit nimmt der Schneeball immer mehr Leute auf und absorbiert schließlich ganze andere Gruppen. Dann ist die Zeit reif für einen der 12-Personen-Räume im Karaokeladen.

Deshalb liegen früh am Abend auch immer Handys auf dem Tisch. Laufend gehen Nachrichten heraus wie „Ich bin mit ein paar coolen Leuten im ‚Punk‘, willst Du nicht vorbeikommen?“ oder „Wir gehen jetzt alle zu Karaoke Melody, komm doch mit.“ Neuankömmlinge rufen an und lassen sich den letzten Meter bis zum Lokal erklären.

cocktails-nali-patioIn so einer bestimmten Phase zwischen 20 und 23 Uhr, wenn die Gruppen sich formen, sind die Leute genauso viel mit dem Handy beschäftigt wie mit ihren schon eingetroffenen Tischgenossen. Diese Mobilfunkaktivitäten sind sozial völlig akzeptiert, aber ich habe den Eindruck, dass andere Gespräche (etwa mit der eigenen Firma) nicht so gut ankommen.

Die meisten Chinesen planen ihr Wochenende nicht sieben Wochen im Voraus. Sie schauen, was der Samstag bringt. Ich selbst habe mir angewöhnt, erstmal flexibel zu bleiben. Denn eher oft gehöre ich zu den „Zugerufenen“.

Auf dem Weg zum Treffpunkt stelle ich mir manchmal vor, wie vorher jemand irgendwo in der Stadt sagt: „Ich  kenne da noch so einen Deutschen, er ist etwas langweilig und seine chinesische Aussprache ist völlig unverständlich, aber trinkt bestimmt etwas mit“ – und eine Nachricht an mich absetzt.

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