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Fahrerflucht und Zivilisation

Aufnahme der Überwachungskamera kurz vor dem ZusammenstoßDer Fahrer eines Kleinbusses hat in Foshan ein zweijähriges Mädchen überfahren, sich dann aus dem Staub gemacht und es dabei mit dem Hinterrad nochmals überfahren. Was sagt das über den Zustand der chinesischen Zivilisation?

In den zwanzig Minuten nach der Fahrerflucht sind 18 Passanten sind an dem wimmernden und blutenden Kind vorbeigegangen, ohne zu helfen. Eine Mutter hat ihr etwa gleichaltriges Mädchen hastig an dem Opfer vorbeigezerrt. Yue Yue, das verletzte Kind, liegt jetzt im Koma im Krankenhaus. Sie hat schwere Gehirnschäden und wenig Aussicht auf Heilung.

China ist in Aufruhr. Da eine Überwachungskamera den Unfall aufgezeichnet hat, finden sich auf den Videowebsites klar erkennbare Bilder davon. Das Fernsehen hat die Geschichte groß gebracht, ebenso alle Zeitungen. Kaum ein Blogger oder Mikroblogger (=Twitterer), der nicht seine Meinung dazugegeben hat.

Die Chinesen und die ausländische Gemeinschaft in haben nun einen Marathon der Kulturkritik begonnen. Der Konsens sieht ungefähr so aus: Die chinesische Kultur kenne kein universelles Mitgefühl. Jeder kümmere sich nur um die eigene Familie und den engeren sozialen Kreis. Die Kulturrevolution habe ihr übriges getan, um die vorhandenen Werte wegzuwaschen. China habe heute eine kalte und hartherzige Gesellschaft.

Aber stimmt das? Die heftige Reaktion auf das grausame Verhalten des Autofahrers und die Ignoranz der Passanten zeigt, dass die Chinesen durchaus Mitgefühl haben. (Es beunruhigen mich allerdings etwas die heftigen Hassnachrichten, die sich im Internet gegen die Täter richten und ihnen ihrerseits den Tod wünschen.) Die Mutter, die mit ihrem Kind vorbeigegangen ist, ohne den Krankenwagen zu rufen, weiß heute selbst nicht so recht, warum sie nicht geholfen hat.

Ich glaube vielmehr, dass die Chinesen nach den superheftigen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte mit ihrem Land und ihrem Leben völlig überfordert sind. Menschliches Leben braucht eine gewisse Stabilität. Nur dann können sich feste Orientierungspunkte herausbilden.

Im vergangenen Jahrhundert hat China eine Invasion und Besatzung erlebt wie zur Zeit der Mongolen (diesmal waren es die Japaner), einen Bürgerkrieg wie einst die USA vor 150 Jahren, einen ökonomischen Systemwechsel wie Ostdeutschland 1990, und einen Aufstieg von Armut zu Reichtum, wie die Welt ihn noch nie gesehen hat.

Die Schüler der Qinghua-Mittelschule wenden sich 1966 gegen ihre Lehrer.Dazu kommen – tatsächlich – Hungersnöte und das Trauma der Kulturrevolution. Wir Deutschen hatten ja auch viele Wechselfälle – aber bestimmt Fixpunkte sind uns trotz allem erhalten geblieben. Wir haben nie unsere Professoren ins Bergwerk geschickt.

Kultur und Zivilisation sind in China bei all den Wechseln einfach nicht mitgekommen.

Die heutige Elterngeneration ist unter völlig anderen Bedingungen aufgewachsen als ihre Kinder – und trotzdem sollen sie ihnen die richtigen Ratschläge geben. Die Wirtschaftswelt ist anders. Die Großstädte sind unsagbar stressig. Außerdem ist es zuletzt viel schwerer geworden, sozial aufzusteigen – das ist aber derzeit der Maßstab dafür, im Leben zu bestehen.

Die Chinesen sind nicht böse. Die Werte und das Mitgefühl sind da. Die Leute sind bloß überfordert mit all dem, was sie plötzlich leisten sollen.

** Nachgedanke. Die Bibel ist ja gar keine schlechte Anleitung für Ethik. Die zwei Punkte, die der Fall Fahrerflucht illustriert, sind beide im Neuen Testament klar behandelt: Die sollst allen Menschen mit Liebe und Mitgefühl begegnen – und Du sollst auch einem Fremden helfen, der verletzt am Wegesrand liegt.

Comments (4)

J.R.October 20th, 2011 at 14:31

Sehr schöner und qualifizierter Beitrag!
Wir sind immer sehr schnell stereotyp über andere Völker zu urteilen.
Besonders zu beachten gilt es diesem Satz:
“Menschliches Leben braucht eine gewisse Stabilität. Nur dann können sich feste Orientierungspunkte herausbilden.”
Auch wir im Westen sehen, was es bedeutet wenn die Stabilität droht verloren zu geben. Siehe Banken-Crash etc.
Danke Finn!

MartinOctober 24th, 2011 at 13:50

Ich habe in China schon viele Unfälle gesehen, bei denen sich niemand um die Opfer kümmerte – oder häufig und noch schlimmer, viele Personen schlicht zuschauten … das hat sich in den letzten 30 Jahren nicht geändert, bloss nahm der Verkehr seither deutlich zu.

FinnOctober 25th, 2011 at 07:50

@Martin: Der Verkehr wird tatsächlich immer schlimmer. Über den Dritten Ring komme ich manchmal nur mit tollkühnen Manövern hinüber.

Die Autos sind in den vergangenen fünf Jahren noch einmal viel schneller geworden. Plötzlich fahren alle Audi und Benz, und darin merkt man seine Geschwindigkeit nicht mehr. 90km/h fühlen sich plötzlich an wie nix, wenn das Auto perfekt gefedert ist, der Motor nur schnurrt und der Lenkassistent einem perfektes “Fahrvergnügen” verschafft. Die Leute fahren jetzt genauso schlecht wie immer, nur schneller.

Eine Freundin erzählte mir neulich ihre Erklärung der schlechten Fahrweise in Chinas Großstädten: Früher hatten nur die Mächtigen ein Auto, und die konnten sich alles leisten. Heute haben fast alle ein Auto, aber sie glauben nun auch, sich alles leisten zu können.

[...] ist übrigens auch eine breite Debatte in der chinesischen Gesellschaft über Werte. Nachdem sich immer mehr Beispiele für hilfloses, kaltherziges und verwirrtes Verhalten zeigen, [...]

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